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Attacke auf die Lunge

DER KOMMENTAR:

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Joachim Wille, Chefredakteur bei klimaretter.info, über die Abholzung des brasilianischen Regenwalds.

 

Der Amazonas-Regenwald gilt als "Lunge des Planeten". Er ist ein wichtiger Faktor bei der Stabilisierung des Weltklimas. Er speichert große Mengen CO2, nämlich rund 100 Milliarden Tonnen – noch. Denn die jüngsten Nachrichten über den Zustand dieser natürlichen Klimamaschine sind schlecht.

Die Entwaldung im Amazonas-Gebiet hat in den vergangenen Jahren wieder zugenommen, zuletzt sogar beschleunigt. Laut offiziellen Angaben der brasilianischen Regierung gingen zwischen Mitte 2015 und Mitte 2016 fast 8.000 Quadratkilometer Regenwald verloren, was mehr als der dreifachen Fläche des Saarlandes entspricht. Es ist ein Anstieg um 29 Prozent gegenüber 2014/15 und der größte gemeldete Waldverlust seit 2008. Das bedeutet: Die gefährliche Trendwende verfestigt sich.

Denn zu Beginn des Jahrzehnts hatte es noch so ausgesehen, als würde Brasilien Brandrodung und Abholzung in den Griff bekommen. Anno 2012 meldete die Regierung, die Entwaldung sei mit 4.571 Quadratkilometern auf einen historischen Tiefstand gefallen. Doch seither steigen die Verluste wieder. 2014/2015 lag die Entwaldung bereits um fast die Hälfte höher und nun sind es rund 80 Prozent. Dabei hatte Brasilien in seinem nationalen Klimaplan vom Herbst 2015 angekündigt, die Waldverluste "deutlich zu verringern" und den illegalen Holzeinschlag bis 2030 ganz zu stoppen.

Umweltschützer sind höchst besorgt. Christoph Heinrich, Naturschutz-Vorstand beim WWF Deutschland, befürchtet: "Angesichts der politischen Lage in Brasilien könnte die neue Statistik ein Vorzeichen sein für weit größere Zerstörungen."

Brasilien hat sich offiziell zu einer Verringerung des Treibhausgas-Ausstoßes um minus 43 Prozent bis 2030 gegenüber dem Basisjahr 2005 verpflichtet. Ein ehrgeiziges Ziel, das ohne Waldschutz nicht zu erreichen ist. So sind die Emissionen des Landes 2015 um 3,5 Prozent angestiegen, obwohl die Wirtschaft des Landes seit Jahren schwächelt. Das zeigt, so der WWF, wie stark die CO2-Emissionen aus der Waldzerstörung die Klimabilanz der brasilianischen Volkswirtschaft dominieren.

Die Hoffnung auf eine Kehrtwende ist leider gering. Denn die Attacke auf den Urwald ist vor allem eine Folge der veränderten Machtverhältnisse in Parlament und Regierung. Die aktuelle und die Vorgängerregierung haben Gesetzesreformen zugunsten der Agrar-, Bergbau- und Bauindustrie befördert, die den Waldschutz aushebeln. Die Folgen sind dramatisch, nicht nur für das Weltklima, sondern auch für Brasilien selbst. Der Amazonas-Regenwald ist bereits jetzt so weit geschädigt, dass Regenfälle zunehmend ausbleiben und Dürreperioden länger und extremer werden. Und Klimaforscher warnen, dass er ganz kippen könnte.

BildDie Abholzung des brasilianischen Regenwaldes schreitet besorgniserregend schnell voran. (Foto: Eskinder Debebe/UN Photo)

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