Und sie dreht sich doch ...

DER KOMMENTAR:

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Susanne Götze, Redakteurin bei klimaretter.info, über die Ergebnisse des Klimagipfels von Marrakesch.

 

Ja, es gibt sie: Klimaskeptiker auf der UN-Klimakonferenz. Am Mittwoch schredderte der US-amerikanische Trump-Fan Marc Morano auf dem Gang des Konferenzgeländes eine Kopie des Paris-Vertrages. Das hielt er genau eine Minute durch, bevor ihn die Security nach draußen beförderte.

Über diese Anekdote könnte man flachsen, wenn nicht vor anderthalb Wochen so ein Morano zum Präsidenten der Vereinigten Staaten von Amerika gewählt worden wäre. Ein Fiasko. Ein Bruch nach der zehn Monate währenden Euphorie seit der Sternstunde von Paris im Dezember 2015. Vor Beginn der Pariser Konferenz waren zwei Bremser im Klimaschutz abgewählt worden: Tony Abbott (Australien) und Stephen Harper (Kanada). Erstmals bekannten sich in der französischen Hauptstadt alle Staaten ohne Abstriche zur Verantwortung im Klimaschutz.

Dennoch: Die am Freitag zu Ende gegangene Konferenz in Marrakesch hat diesen Erfolg verstetigt. Die Staaten sind enger zusammengerückt – gerade nach der US-Wahl. Niemand stellte das Paris-Abkommen auf dem Verhandlungsparkett auch nur einmal in Frage. Keine Drohungen, keine Ausreißer.

Wenn es nächstes Jahr eine neue US-Delegation gibt, kann man davon ausgehen, dass diese Frischlinge unter den Verhandlungsprofis einfach von der UN-Maschinerie überfahren werden. Und über kurz oder lang wird man immer mit einigen Schatten leben müssen – denn Geschichte ist kein gradliniger Weg nach vorn. Auch die katholische Kirche hat jahrhundertelang nicht von ihrem geozentrischen Weltbild ablassen wollen. Dennoch hielt das Wissenschaft und Erfindergeist nicht davon ab, voranzugehen.

Sicher reproduzieren sich auch in den Klimaverhandlungen die schreienden Ungerechtigkeiten dieser Welt. Konflikte zwischen Nord und Süd oder Eliten und Besitzlosen sind auch hier stets präsent. Richtig ist, Missstände anzuprangern und Unrecht bloßzustellen. Sicher kann man kritisieren, dass die Staaten nicht sofort die Subventionen für fossile Energien kappen und dass die Klimaziele nicht ausreichen.

Eine Chance nicht nur fürs Klima

Doch dann darf auch daran erinnert werden, dass noch nie ein Vertrag so schnell ratifiziert wurde und die ersten Staaten nun schon konkrete Umsetzungspläne schreiben – innerhalb nicht mal eines Jahres! Wenn die Staatengemeinschaft dieses Tempo hält und sich nicht von Reaktionären bremsen lässt, ist das eine gute Botschaft. Natürlich muss kritisch beobachtet werden, ob all die guten Vorhaben auch greifen. Doch Untätigkeit kann man den Klimadiplomaten – denkt man nur an die beiden "Klima-Champions" Laurence Tubiana und Hakima El Haité – nicht vorwerfen.

Die in Marrakesch zementierte Kooperation aller Beteiligten ist eine Chance, nicht nur fürs Klima. Diplomaten, Unternehmer und die Zivilgesellschaft bauen an der Transformation unserer Gesellschaften. Diese Arbeit ist kleinteilig. Diese Arbeit braucht Kreativität, Engagement und kritische Beobachter. Und nur wenn herkömmliche Denkmuster hinterfragt werden, gelingt ein echter Umbau. Aber es wird der erste sein, der global geschieht und global geplant ist.

Wer einmal an einer Klimakonferenz teilgenommen hat, fühlt sich nicht mehr als Deutscher oder als Europäer, sondern als Weltbürger. Darin liegt vielleicht die eigentliche Chance: für das Ausbremsen der fossilen Weltordnung und als Heilmittel gegen alle Trumps dieser Welt.

BildWenn die Erfüllung des Paris-Vertrags ein Erfolg wird, können die Staaten der Welt vielleicht auch andere existenzielle Fragen gemeinsam lösen – den Globus würde das sicher freuen. (Foto: Benjamin von Brackel)


Alle Beiträge zur COP 22 in Marokko

finden Sie in unserem Marrakesch-Dossier

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