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Fremde im eigenen Land

DER KOMMENTAR:

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Jörg Staude, Redakteur bei klimaretter.info, über das erdrutschartige Wahlergebnis in Mecklenburg-Vorpommern.

 

Nach der Wahl klingt es wie vor der Wahl. Man fragt sich: Wie kann es dazu kommen, dass die rechtspopulistische AfD, im Nebenprofil auch skeptischer Klimaleugner, über 20 Prozent der Stimmen einfährt? Auch nach den Wahlhochrechnungen in Mecklenburg-Vorpommern ändert sich der Tenor in der Debatte kaum. Mit unverständigem Unterton wird auf den Fakt verwiesen, dass der Anteil von "Fremden" und Flüchtlingen in dem Bundesland so gering ist, dass vielen der dort Lebenden so einer noch nicht einmal über den Weg gelaufen ist, geschweige denn irgendeinem irgendetwas weggenommen hat. Der Rest ist mediales Kopfschütteln.

Die Misere von Mecklenburg-Vorpommern begann nicht erst gestern oder vor einem Jahr mit dem "Wir schaffen das" der Kanzlerin. Zu besichtigen ist der Zustand des Landes zum Beispiel auf der Ostsee-Autobahn A 20, die sich quer durchs Land zieht und zu den leersten Betonschneisen der Republik gehört. Wie leer sie ist, zeigt der Umstand, dass erst jetzt im Juli, sieben Jahre nach Eröffnung der A20, mitten in einem 300 Kilometer langen Abschnitt der Piste die erste richtige Autobahnraststätte Vorpommerns eröffnet wurde. Man habe hier eine "Oase" in einer "echten Wüste" eröffnet, lobte der Schweriner Verkehrsminister Christian Pegel (SPD) laut Medienberichten. Die Wortwahl verrät alles, was die Landespolitiker über "ihre" Region denken.

In Beton denkt auch die Kanzlerin. Das wichtigste Infrastrukturprojekt von Angela Merkel – deren Bundestagswahlkreis Vorpommern-Rügen heißt – war der Bau der neuen, völlig überdimensionierten Strelasund-Brücke mit dem Ausbau der Bundesstraße auf Rügen. Die Urlaubsinsel wird nun zum autogerechten Eiland für die besser betuchte Kundschaft. Diese kann jetzt bequem zu ihren Eigentumswohnungen in dem an Private verscherbelten Nazi-Protzbau Prora jetten oder, sofern noch besser gestellt, sich ein Appartement in einem absurden hundert Meter hohen Wohnturm bei Binz zulegen.

Gut, über dessen Bau konnten die Einheimischen wenigstens noch abstimmen und ließen den gigantischen "Wachturm" am Sonntag durchfallen. Ansonsten dürfen sie in den schicken Marinas und Resorts an der Küste in der Saison arbeiten. Dort klagt die Tourismusbranche tagaus, tagein über fehlende Arbeitskräfte, will oder kann aber keine vernünftigen Löhne zahlen. Die Dienstleistungsindustrie im Nordosten ist eine prekäre.

Was gibt es noch? Die Schiffbauindustrie bekommt den Löwenanteil der öffentlichen Gelder zugeschanzt und wird so rudimentär erhalten. Ist der Kosteneffekt durch die öffentlichen Zuschüsse jeweils verpufft, werden die Werften regelmäßig in Insolvenz geschickt – und ein neuer Eigner fordert neue Gelder.

Klar, die Agrarwirtschaft boomt, aber in ihrer extrem industriellen Form, bei der die Landarbeiter mit dem Dorf in der Nähe nichts mehr zu tun haben. Deren Feldarbeit muss man sich heute so vorstellen: Eine eingekaufte mobile Brigade beackert per GPS ein Riesenfeld hier und morgen Dutzende Kilometer weiter ein anderes. Ein Drittel der Flächen soll schon Agrarkonzernen gehören, die mit dem Land wenig am Hut haben, sich aber die stetig steigenden Pachtpreise leisten können. Dass dabei klimaschädliche Dünger und Pestizide maximal eingesetzt werden, versteht sich fast von selbst.

Selbst der Umstand, dass Mecklenburg-Vorpommern sich selbst mit Ökostrom versorgen könnte, hat nicht zu einer selbstbewussten, stolzen Haltung geführt, sondern eher dazu, dass sich die Leute von der Energiewende distanzieren und den aus dem Boden schießenden Windparks höchstens staunend zusehen. Denn auch hier kamen die Investoren – mangels regionaler Finanzkraft – aus der gefühlten Fremde.

So sind viele in Mecklenburg-Vorpommern in gewisser Weise Fremde in eigenem Land geworden – und die Bauernfänger von der AfD kommen da gerade recht. Sie ernten jetzt, was an Frust und Ärger über die Jahre gewachsen ist. Das entschuldigt das Wähler-Kreuz bei den Rechten nicht, macht es aber zumindest ein wenig erklärbar. 

BildFür Solarparks wie hier bei Barth an der Ostsee bietet Mecklenburg-Vorpommern genügend Platz – bei den Bürgern scheinen die Vorteile der Energiewende aber nicht angekommen zu sein. (Foto: SunEnergy Europe)

Der Beitrag wurde am 5. September um 12:20 Uhr aktualisiert

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