Das Auto bleibt das liebste Kind

DER KOMMENTAR:

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Joachim Wille, Redakteur bei klimaretter.info, über die Ernüchterung beim Carsharing und eine klimagerechte Verkehrspolitik.

 

Das eigene Auto – ein Auslaufmodell? Früher war es doch klar. Man wurde 18, volljährig, und – selbstredend – Führerschein-Besitzer. Am besten mit einer eigenen Karre, vielleicht uralt, klapprig und unbequem, aber Freiheit und Unabhängigkeit verheißend. Danach stand dann alle paar Jahre ein neues Auto an.

Inzwischen aber ist eine neue Generation herangewachsen, die, vor allem in den Städten, anders tickt. Sagen zumindest die Trendforscher. Motto: Das Handy ist wichtiger, als ein eigenes Auto zu haben. Damit werde endlich ein anderer Stadtverkehr möglich mit weniger Gestank, CO2-Ausstoß, Lärm, Asphaltwüste.

Nur leider: Die schöne Vision ist kein Selbstläufer. Das zeigt eine Untersuchung zu den Perspektiven des Carsharings, die jetzt der TÜV Rheinland zusammen mit einer Kölner Beratungsgesellschaft vorgelegt hat.

Eigentlich müsste die Zahl der Autos in Deutschland, die bei fast 44 Millionen liegt, doch längst sinken oder das in naher Zukunft tun, wenn Füße, Fahrrad, Busse, Bahnen und Carsharing-Autos viel mehr genutzt werden. Doch die Experten erwarten, dass die Zahl der Pkw sogar noch weiter wächst. Der ausgerufene grüne Trend reicht nicht aus, um die Zulassungszahlen zu drücken. 2007 gab es 41 Millionen Autos, und 2020 sollen es sogar 45 Millionen sein. Will sagen: Für jeden, der auf Carsharing umsteigt und sein eigenes Auto verkauft, wächst mindestens einer nach, der erstmals Autobesitzer wird – oder einen Zeit- oder Drittwagen anmeldet.

Das Carsharing, immerhin, wird 2020 ein fester Bestandteil "zeitgemäßer Mobilität" sein, sagt der TÜV. Rund eine Million Carsharer gibt es heute, Ende des Jahrzehnts dürften es zwei Millionen sein. Es könnten auch drei Millionen werden, wenn die Carsharing-Anbieter von Cambio bis Car2go sich besser vernetzen und die Politik das Autoteilen unterstützt, etwa durch Verzicht auf Parkgebühren. Letzteres will Bundesverkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) möglich machen.

Freilich stößt auch diese Strategie an Grenzen. Nur 16 Prozent der 35 Millionen deutschen Autofahrer können sich laut der Untersuchung überhaupt vorstellen, den eigenen Pkw abzuschaffen und ganz auf Carsharing zu setzen. Über vier Fünftel denken gar nicht daran, die alte Lenkrad-Perspektive aufzugeben. Oder sie nutzen Carsharing zusätzlich, wenn es gerade bequem und vorteilhaft erscheint. Das Autoteilen ginge dann sogar zulasten der Nutzung von Fahrrad, Bus, Bahn oder Taxi.

Ergo: Von alleine wird der Verkehr nicht grün, sanft und verträglich werden. Nötig ist eine politisch gesteuerte Verkehrswende, die die umweltfreundliche Mobilität konsequent fördert und die ungedeckten Umweltkosten des Autoverkehrs durch eine neue, intelligente Ökosteuer einpreist. Nur dann kommt der "Umweltverbund" von Zu-Fuß-Gehen, Fahrradfahren, Bus- und Bahnnutzung sowie das Autoteilen in die richtige Spur.

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Solange die Zulassungszahlen für Autos trotzdem steigen, ist dem Klima durch Carsharing nicht geholfen, findet Meinungsredakteur Joachim Wille. (Foto: AC Studi05/Wikimedia Commons)

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