Den Wind richtig fangen
Der Kommentar
Joachim Wille, Redakteur bei klimaretter.info, über den wankenden Pfeiler der Energiewende – die Offshore-Windparks. In diesem Wanken sieht er aber auch die Chance einer Neujustierung und finanzielle Vorteile
Die Pläne sind hochfliegend, immer noch. Bis 2020 will die Bundesregierung in Nord- und Ostsee Offshore-Windparks mit einer Leistung von 10.000 Megawatt aufstellen lassen. Sie könnten, wenn sie alle laufen, so viel Strom wie sieben große Atomkraftwerke liefern. Offshore sollte der tragende Pfeiler der Energiewende sein, hieß es lange. Doch der Pfeiler wankt. Bis Ende 2012 waren auf See erst Windanlagen mit 208 Megawatt installiert. An das Ziel von 10.000 Megawatt glaubt niemand mehr. Selbst eingefleischte Offshore-Optimisten erwarten allenfalls noch 7.000 bis 8.000 Megawatt.
Kippt damit die Energiewende? Müssen die verbliebenen Atomkraftwerke doch länger als geplant laufen, weil nicht ausreichend "Ersatzstrom" vorhanden sein wird? Die jüngste Studie des Thinktanks "Agora Energiewende" gibt Entwarnung. Danach ist es sogar von Vorteil, wenn der Ausbau der im Vergleich zu den anderen Ökostrom-Anlagen teuren Offshore-Windkraft langsamer vonstatten geht als geplant. Rund zwei Milliarden Euro pro Jahr könnten so eingespart werden, rechnen die Experten vor – und das, obwohl zum Ausgleich dann an Land mehr Windkraftanlagen gebaut werden müssten, um den Fahrplan der Energiewende nicht zu gefährden.
Es ist an der Zeit, dass die Bundesregierung ihre Energiewende-Pläne aufgrund solcher Analysen neu justiert, statt wie der "Eine-Billion-Euro-Mann", Umweltminister Peter Altmaier (CDU), mit abenteuerlichen Schätzungen über die Kosten des Umbaus schiere Panik zu verbreiten. Offshore-Windkraft mit ihren hohen Einspeise-Vergütungssätzen ist, wie der Energieexperte der Verbraucherschutzverbände, Holger Krawinkel, formulierte, "der letzte verbleibende Kostentreiber im EEG-Gesetz". Bis zu 19 Cent pro Kilowattstunde kostet Offshore-Strom, während selbst Solarstrom schon für zwölf bis 17 Cent zu haben ist, Tendenz weiter fallend. Die Windkraft an Land stärker auszubauen ist das Gebot der Stunde, weil sie gegenüber "normaler" Elektrizität am konkurrenzfähigsten ist und die EEG-Umlage kaum noch erhöht.
Besonders die Süd-Länder wie Bayern, Baden-Württemberg und Hessen haben hier Nachholbedarf. Wenn sie die Windkraft gut geplant, unter breiter Bürgerbeteiligung und Berücksichtigung des Naturschutzes ausbauen, hat das viele Vorteile. So kann der Ausbau des Hochspannungsnetzes zeitlich gestreckt werden, weil der Windstrom näher an den im Westen und Süden liegenden Ballungszentren mit ihrem hohen Stromverbrauch eingespeist wird. Außerdem ergibt sich die Chance, die Ökostrom-Produktion durch Genossenschaften und andere Formen der Beteiligung stärker in die Hände der Bürger zu legen. Die Energiewende würde damit endgültig zu einem demokratischen Projekt. Bei Offshore-Windparks ist das anders. Sie sind so kapitalintensiv, dass sie nur von Konzernen gestemmt werden können.
Einen Stopp des Offshore-Ausbaus fordert jedoch auch die Agora-Studie nicht. Und zwar zu Recht. Die Technologie muss weiter entwickelt werden, um sie günstiger zu machen. Die Offshore-Windparks werden dringend gebraucht werden, denn der Umbau des Stromsystems muss ja auch nach 2020 weitergehen. Dann werden nach bisherigen Plänen immer noch 65 Prozent der Elektrizität aus konventionellen Kraftwerken stammen. Wer bis 2040 oder 2050 die Umstellung auf 100 Prozent Ökostrom schaffen will, braucht die Offshore-Parks als tragenden Pfeiler. Und wer will das nicht.

In weiter Ferne: Die Ziele des Offshore-Ausbaus in der Nord- und Ostsee. (Foto: Colcon Flyer/Wikimedia Commons)
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