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Energiewende ohne Puste

DER KOMMENTAR:

 

Joachim Wille, Redakteur von klimaretter.info, über den zu starken Fokus auf den Ausbau der erneuerbaren Energien. Denn wenn in den anderen Sektoren nicht genügend passiere, schaffe auch "Vorreiter" Deutschland die wirkliche Energiewende nicht.

 

Na also, es geht doch. Deutschland hat acht "CO2-freie" Atomkraftwerke vom Netz genommen, und trotzdem sank der Treibhausgas-Ausstoß weiter. Das zeigt die offizielle Emissionsbilanz, die das Bundesumweltministerium jetzt an die EU-Kommission übermittelt hat. Sein Kyoto-Ziel, den CO2-Ausstoß bis 2012 um 21 Prozent gegenüber dem Basisjahr 1990 zu verringern, hat Deutschland locker geschafft. Tatsächlich waren Ende 2011 sogar 27 Prozent erreicht. Die deutschen "Energiewender" könnten sich auf die Schultern klopfen.

Dürfen sie aber nicht. Denn die positive Entwicklung sogar im Abschaltjahr 2011 – eine Minderung um 27 Millionen Tonnen CO2 respektive 2,9 Prozent – war auch stark durch das milde Wetter bedingt. Generell verflacht der Minderungstrend in den letzten Jahren. Das heißt: Klimaschutz ist auch in Deutschland kein Selbstläufer, ihm geht die Puste aus. Energiexperten warnen davor, dass das für 2020 beschlossene CO2-Ziel von minus 40 Prozent ohne eine ganze Reihe von zusätzliche Maßnahmen nicht zu schaffen ist. In allen Sektoren muss etwas getan werden.

Die einzige wirklich positive Bilanz kommt von den Privathaushalten. Sie entwickeln sich zu Klimaschützern, freilich nur, was die eignen vier Wände angeht. Trotz wachsender Wohnfläche verbrauchen sie weniger Öl, Gas und Strom für Heizung und Warmwasserbereitung. Dadurch sank der CO2-Ausstoß hier zwischen 2006 und 2011 um rund 27 Prozent. Doch sonst treten die Deutschen nicht so gerne auf die Bremse. Der Verkehrssektor schaffte laut den neuen Zahlen in dieser Zeit keine Verbesserung, hier spielt offenbar neben dem Boom im Güterverkehr der ungebrochene Trend zu größeren und schnelleren Autos eine Rolle. Und Strom sparen die "grünen" Deutschen auch gar nicht gerne. In den Privathaushalten steigt der Verbrauch, statt zu sinken, wie es mit Blick auf die Ziele bis 2020 dringend nötig wäre. Hier muss unbedingt mehr für die Energieffizienz getan werden. Hohe Preise für Sprit und Strom, so viel darüber gejammert wird, bringen die Wende offenbar nicht.

Eine andere Baustelle sind die Industrie und die Kraftwerke. Sie schafften in den fünf Jahren nur noch ein CO2-Minus von fünf Prozent, halb so viel wie alle anderen Sektoren. Das belegt erneut, dass der EU-Emissionshandel, der diesen Sektor reguliert, dringend effizienter gemacht werden muss. Die CO2-Zertifikate sind spottbillig, die Industrie investiert nicht genügend in Energiespartechniken, obwohl hier noch viel für den Klimaschutz zu holen wäre. Was zu tun ist, liegt auf der Hand: Die Gesamtmenge der Emissionszertifikate muss gekürzt werden. Damit freilich tut sich die EU schwer. Denn der Einfluss der "alten" Industrien und ihrer Lobby ist groß.

Noch düsterer sieht es beim Verkehr aus. Hier stieg der CO2-Ausstoß zuletzt sogar wieder leicht an. Von einer "Verkehrswende" ist weit und breit nichts zu sehen. Insbesondere der Güterverkehr auf der Straße ist offenbar viel zu billig. Hier könnte die Bundesregierung gegensteuern. Schwarz-Gelb hat ja bereits in der Koalitionsvereinbarung von 2009 festgeschrieben, dass die Lkw-Maut während der gesamten Legislaturperiode nicht steigen dürfe. Die Trassenpreise für Güterzüge dagegen sind seit 2009 um über zehn Prozent gestiegen. Und mit einer breiten Einführung der "Gigaliner" genannten Riesen-Lkw könnte der Straßengüterverkehr pro transportierter Tonne sogar noch einmal um 25 Prozent billiger werden. Damit würde ein Umstieg von der Straße auf die Schiene endgültig zur Illusion.


Heizung und Warmwasser sparen: ja – aber bei Auto und Strom treten die Privathaushalte nicht so gerne auf die Bremse. (Bild: Dena) 

Es ist nicht neu, aber immer noch richtig: Die "Energiewende" darf sich nicht nur auf den Ausbau der erneuerbaren Energien konzentrieren, wie das immer noch der Fall ist. Passiert in den anderen Sektoren nicht genügend, schafft auch "Vorreiter" Deutschland die wirkliche Wende nicht.


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