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Fossiler Amoklauf

DER KOMMENTAR:

Joachim Wille, Redakteur von klimaretter.info, über zum weltweiten Kohle-Comeback: 

Die Steinzeit ist nicht aus Mangel an Steinen zu Ende gegangen. Ein Spruch, den man sinngemäß auch auf das Zeitalter der fossilen Energien anwenden kann. Auch diese Ära, die mit der Kohlenutzung in der industriellen Revolution vor 200 Jahren begann, wird nicht erst dann aufhören, wenn die Lager in der Erdkruste nichts mehr hergeben, was man noch in Kraftwerken verfeuern könnte. Sie wird vorher durch das Solarzeitalter abgelöst werden. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche.

Fragt sich nur, ob es schnell genug geht. Um das Weltklima bei tolerablen zwei Grad Erwärmung zu stabilisieren, müssen rund 80 Prozent der fossilen Rohstoffe, die heute noch in der Erde lagern, dort unten bleiben. Knapp 2.800 Gigatonnen Kohlendioxid entstünden, wenn alle heute nachgewiesenen Reserven an Kohle, Erdöl, Teersanden und Erdgas verbrannt würden. Doch nur rund 565 Gigatonnen dürften noch in Atmosphäre entlassen werden – andernfalls gibt es keine Chance mehr, das Temperaturlimit zu halten.

Es ist blauäugig zu hoffen, dass der Wechsel von der fossilen zur solaren Technologie quasi automatisch geschehen wird. Die Internationale Energie-Agentur (IEA) zeigt jetzt in einer Studie, dass ausgerechnet die schmutzigste Energieressource fast weltweit ein Comeback erlebt. Danach wird Kohle, der Klimakiller Nummer eins, im nächsten Jahrzehnt sogar das Erdöl als wichtigster Energielieferant überholen. Die Kohleförderung ist bereits in den vergangenen zehn Jahren um 60 Prozent angestiegen. Verantwortlich sind dafür vor allem Schwellenländer wie China, Indien und Südafrika. Dort boomt laut IEA die Kohlenutzung in Kraftwerken und in der Industrie.

Aber auch in Ländern, die sich im Kyoto-Protokoll zur Reduktion des Kohlendioxid-Ausstoßes verpflichtet haben, ist der Verbrauch laut der Agentur in jüngster Zeit angestiegen – in Spanien um 65 Prozent, in Großbritannien um 35 und sogar in Deutschland um acht Prozent.

Als Hauptgrund dafür gilt, dass der Kohlepreis auch in Europa gesunken ist, weil die USA mehr von dem Rohstoff exportieren. Es ist paradox: Das Kohleland USA steigt auf Erdgas um, das es mit der umstrittene Fracking-Technologie fördert, verbessert so seine eigene CO2-Bilanz, exportiert aber mehr Kohle, weswegen die "klimafreundlichen" Europäer mehr davon verheizen.

Das Ganze beweist erneut: Ohne eine Deckelung der CO2-Emissionen in einem globalen Klimavertrag laufen die Manager der fossilen Energieindustrie weiter Amok.

Weltweit sind derzeit nicht weniger als 1.200 neue Kohlekraftwerke geplant. Das ist eine Horrorzahl – vor allem, weil diese Anlagen normalerweise 40 oder 50 Jahre lang betrieben werden. Würden sie alle gebaut, ergäbe das zusammen mit den vorhandenen Kraftwerken einen Sockel an klimaschädlichen Emissionen, der das Zwei-Grad-Ziel endgültig zur Makulatur werden ließe. Die Welt würde in den nächsten Jahren und Jahrzehnten erst so richtig ins "Kohlezeitalter" eintreten. Es wäre das Ende für den Klimaschutz.


Müssen Schlote rauchen, damit Gesellschaften vorankommen? RWE-Kohlekraftwerk Hamm. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)


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