Japan, Meister der Energie-Krise

DER KOMMENTAR:

 

Joachim Wille, Redakteur bei klimaretter.info, über Japans Chance nach dem GAU.

 

Mehr "saubere Energie" für das High-Tech-Land - bis zum 11. März 2011 schien alles klar. Japan wollte 14 neue Atomreaktoren bauen – zusätzlich zu den 54 vorhandenen Anlagen, die bis dahin knapp ein Drittel des Stromverbrauchs deckten. Die Atomkraft sollten die Energiebasis der rohstoffarmen Industrienation sichern und helfen, seine schlechte Klimaschutz-Bilanz zu verbessern. Ausgerechnet Japan, das Land des Kyoto-Protokolls, verfehlt sein Kyoto-Ziel deutlich. Doch der Fukushima-Super-GAU machte aus den Plänen Makulatur. Die Atomkatastrophe stützte Japan in eine schwere Krise. Sie zwingt es zum Umdenken. Gut möglich, dass es zum asiatischen Energiewende-Land wird.

Derzeit sind noch 52 der 54 AKW am Netz, im April werden auch die restlichen zwei für Revisionen abgeschaltet. Japan wird, zumindest vorübergehend, völlig atomstromfrei sei. Der Grund: Die regionalen Behörden, die Präfekturen, erlauben das Wiederanfahren der Reaktoren nicht, weil die Mehrheit der Bürger dagegen ist. Die Haltung der Mehrheit der Bevölkerung hat sich seit Fukushima völlig gedreht – aus Atomkraft-Befürwortern wurden Gegner. Die Regierung in Tokio will, das zumindest der Großteil der Anlagen nach bestanden "Stresstest" wieder ans Netz geht. Wie weit sie sich durchsetzen kann und wie viele Präfekturen noch einer Schamfrist den Stromkonzerne ihr OK zum Anfahren geben, ist einstweilen offen. Die AKW-Neubaupläne dagegen dürfen in jedem Fall Makulatur sein.

Japan hat die Energie-Krise bisher erstaunlich gut gemeistert. Ein Großteil des Stromverbrauchs ist "weggespart" worden, unter anderem aufgrund von öffentlichen Stromspar- und Effizienzkampagnen. Der Rest des fehlenden Atomkapazitäten aber wurde durch konventionelle Kraftwerke ersetzt, was Japan nicht nur - wegen der höheren Energieimporte - die Außenhandelsbilanz verhagelte, sondern auch die Klimabilanz. Die immer noch mächtige Atomlobby in und außerhalb der Regierung macht deswegen Druck, die AKW schnell wieder ans Laufen zu bekommen.

Doch Japan hat schon einmal gezeigt, dass es gestärkt aus einer Energiekrise hervorgehen kann. Nach dem Ölpreisschock der 1970er Jahre setzte das Land zwar ebenso wie etwa die USA, Frankreich und Deutschland verstärkt auf die Atomkraft. Aber es wurde auch führend bei der Energieffizienz und bei der Entwicklung der Solarenergie, die damals noch in den Kinderschuhen steckte. Das trug wesentlich zu Japans Aufstieg als Industrienation bei. Damals wurde Japan zum Vorbild. Nicht ausgeschlossen, dass das nun wieder passiert.

Japan hat beste Voraussetzungen für die Nutzung der erneuerbaren Energien – für Windkraft, Solarenergie, Geothermie. Sie könnten sukzessive  in Verbindung mit effizienterer Energienutzung sowohl die atomaren als auch die konventionellen Kraftwerkskapazitäten ersetzen. Und es könnte weit schneller gehen, als es Tokio in den nach Fukushima nach halbherzigen Energiewende-Plänen vorsieht. Die Industrie hat in der Vergangenheit ihre Schlagkraft und Fähigkeit zu Innovation bewiesen – und die Regierung in Tokio ist über das mächtige Industrieministerium in der Lage, ihr neue Ziele vorzugeben und schnell durchzusetzen. Außerdem haben die Bürger in der Fuksuhima-Krise bewiesen, dass sie für Energiespar-Appelle durchaus empfänglich sind.

Diese Kombination ist einzigartig. Könnte also durchaus sein, dass Japan das "Energiewende-Land" Deutschland bald überholt, zumal letzterem gerade die Puste auszugehen droht.


 
In unserer Serie bislang erschienen:

Die Leiden der 50 - Tschernobyl und die Strahlenkrankheit
Protestfahrplan gegen die Atomkraft - wo was "abgehen" soll
24.000 Jahre Verstrahlung - ein Standpunkt von Franz Alt
1.000fach erhöhte Messwerte - Greenpeace misst vor Ort
Der GAU als Dauerzustand - eine Zustandsaufnahme der Reaktoren
Merkel: Atom-Ausstieg war richtig - Videobotschaft der Kanzlerin
Die Radiokativität entfernen - Japans Gedenken an die Opfer
Der Tod der Atomrenaissance - Atomwirtschaft nach dem Tsunami
Japan, Meister der Energiekrise - ein Kommentar von Joachim Wille


Foto: Regine Berges

 

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