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Energiewende rückwärts

DER KOMMENTAR:

Joachim Wille, Redakteur bei klimaretter.info, über die polnischen Atompläne

 

Energiewende ja, aber rückwärts. Das ist das Modell Polen. Unser Nachbarland, in dem es bisher keine Atomkraftwerke gibt, will in diese Strom-Technologie einsteigen, die der Welt Tschernobyl und Fukushima beschert hat. Mindestens ein AKW möchte Warschau bis 2020 bauen lassen, wahrscheinlich in dem Ort Zarnowiec an der Ostseeküste, wo noch die Bauruine eines AKW-Projekts aus Ostblockzeiten steht. 1990 führte eine Volksabstimmung zum Abbruch des Projekts.

Auch jetzt gibt es Protest, allerdings ist es unwahrscheinlich, dass Warschau sich davon beeindrucken lässt. Rund 50.000 Einsprüche aus Deutschland sind dort eingegangen, von Bürgern, Behörden und Umweltverbänden. Sie haben dank der von der EU vorgeschriebenen grenzüberschreitenden "strategischen Umweltprüfung" das Recht, sich auf diesem Weg einzumischen. Tatsächlich könnte ein Super-GAU an dem 250 Kilometer von der Grenze entfernt gelegenen Standort auch Deutschland direkt betreffen. Cäsium-Wolken machen bekanntermaßen nicht an Grenzen halt.

Kritiker wie der Umweltverband BUND monieren die unzureichende Umweltprüfung des AKW-Projekts. Die Folgen einer möglichen Atomkatastrophe seien dabei sträflich unterschätzt worden. Ein hanebüchenes Detail: Jodtabletten sollen im Ernstfall nur in einem Radius von drei Kilometern um das Kraftwerk ausgegeben werden. Jeder Laie weiß, dass das radioaktive Fallout viel weiter getragen würde.


Bauruine Zarnowiec an der Ostseeküste. 1990 führte eine Volksabstimmung zum Abbruch des ersten polnischen Atomprojekts. Jetzt - mehr als 20 Jahre später - soll dort doch ein AKW entstehen. (Foto: Jan Jerszyński / Wikimedia Commons)

Doch solche Einwände sind nur ein Teil des Problems. Mit der geplanten Milliardeninvestition zementiert Warschau die alten, zentralistischen Strukturen des Elektrizitätssystems, die für eine echte Energiewende aufgebrochen werden müssten. In Polen wird der Markt von einem Oligopol beherrscht, das neuen AKW soll vom Größten der Stromkonzerne, PGE, gebaut werden. Das verbaut die Chancen für neue, innovative Konkurrenten, die den Wettbewerb stärken und, bei entsprechenden Rahmenbedingungen, die erneuerbaren Energien voranbringen könnten.

Bleibt Polen bei dem AKW-Plan, droht es den Einstieg in ein wirklich modernes Energiesystem zu verpassen, bei dem der hohe Kohlestrom-Anteil Zug um Zug durch erneuerbare Energien und ein daran angepasstes Leitungsnetz ersetzt wird. Das Land hat riesige Potentiale besonders für Windkraft und Biomasse-Nutzung. Sie nicht zu heben, wäre fatal. Hier sollten die drei bis vier Milliarden Euro investiert werden, die ein neuer Atommeiler kostet, statt sich mit Super-Gau- und Atommüll-Risiken anzufreunden.

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