Die Grenzen des Lärms
DER KOMMENTAR:
Joachim Wille, Redakteur bei klimaretter.info, über den sich formierenden Protest gegen den ständigen Ausbau des Flugverkehrs
"Absurd" und "unseriös". Die Empörung ist groß. Die neue Landebahn am Frankfurter Flughafen wieder stillzulegen – das hat jetzt die Grünen-Politikerin Rosemarie Heilig gefordert, die bei der Wahl im Frühjahr neue Oberbürgermeisterin der Main-Metropole werden will.
"Keine Chance auf Realisierung", erklärte sofort das hessische Wirtschaftsministerium. Die Hessen-CDU ätzte, Heilig wolle "den Wählern nur etwas vormachen." Und die Lufthansa, die in Frankfurt ihre Basis hat, beeilte sich, die positiven Folgen der vierten Bahn des Rhein-Main-Airports zu betonen. Seit Inbetriebnahme der Landebahn Nordwest, der insgesamt vierten Landebahn in Frankfurt, im Oktober 2011 sei die Pünktlichkeit der Maschinen besser geworden, sie flögen weniger Warteschleifen, und das komme durch weniger Kerosinverbrauch ja der Umwelt zugute.
Keine Frage, auf den ersten Blick erscheint die Forderung wirklich absurd. Ein solche hohe Millionen-Investition, die die Kapazitäten des größten deutschen Flughafens kräftig erhöht und ihn konkurrenzfähig halten sollte, einfach abzuschreiben, wäre für den Betreiber ökonomischer Irrsinn. Dass die Forderung aber überhaupt ernsthaft diskutiert wird, zeigt: Die jüngste Ausbau-Planung des Airports ist gewaltig schief gelaufen.
Die Lärm-Folgen der von Anfang umstrittenen vierten Bahn sind für die südlichen Frankfurter Stadtteile und Kommunen im Westen der Stadt unerträglich. Es ist eine Protestwelle mit Montagsdemos im Airport entstanden, die Beobachter bereits an den Kampf um Stuttgart 21 denken lässt. Und Politiker aller Parteien sehen sich gezwungen, darauf zu reagieren. Nachtflugverbot, Verlagerung des Frachtverkehrs, Wochenendruhe auf der neuen Bahn – das sind ihre Themen. Die Idee, den Rollbahn-Beton wieder der Rückeroberung durch die Natur zu überlassen, ist freilich am radikalsten.

Drin sitzen ist super, alles andere ganz und gar nicht. (Foto: Michael Schulze von Glaßer)
Der Konflikt um "Rhein-Main" ist zwar ein Sonderfall, weil der Mega-Flughafen extrem stadtnah liegt und dadurch jeder Ausbau – wie schon bei der Startbahn West – die Anwohner übermäßig belastet. Die Rechnung, wonach die Anwohner die Umweltschäden tolerieren müssen, weil sie direkt oder indirekt von der Geld- und Jobmaschine Rhein-Main profitieren, geht hier jetzt schon nicht mehr auf. Die Grenze der zumutbaren Belastung in der Region um Frankfurt werden überschritten.
Die Frankfurter Grünen, die die Stadt als Juniorpartner der CDU regieren, haben die Dramatik der Lage zu lange unterschätzt. Jetzt versuchen sie, sich wieder an die Spitze der Bewegung der Ausbaugegner zu setzen. Ob das funktioniert, ist offen. Immerhin hat ihre Spitzenfrau das Thema so besetzt, dass nicht nur über den Krach in der Luft, sondern auch über die Perspektiven des Flugverkehrs insgesamt diskutiert wird – auch unter Klima-Gesichtspunktren.
Man sei in Frankfurt ja "nicht allein mit diesem Wahnsinn". Heilig verwies auf die bevorstehende Inbetriebnahme des neuen Berliner Flughafens und die geplante neue Startbahn für den Airport München. Mit dem ständigen Ausbau des Luftverkehrs könne es so nicht weitergehen, sagte sie. Die Debatte über die Grenzen des Wachstums im Luftverkehr wieder aufzunehmen, ist überfällig – auch wenn es für die Lärmopfer in Frankfurt, Berlin und München zu spät kommen mag.
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