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Budget statt Kyoto

DER KOMMENTAR:

Joachim Wille, Redakteur bei klimaretter.info, über die Klimakonferenz in Durban.

 

Klimaschutz nach UN-Facon – gut gemeint, aber untauglich. Seit dem UN-Erdgipfel von Rio 1992 versucht die Staatengemeinschaft, das Problem in den Griff zu kriegen. 17 Klimagipfel später weiß jeder: So geht es nicht. Bis Kyoto 1997 konnte man noch daran glauben, dass die Verhandler auf den Megakonferenzen das langfristige Wohl der Welt im Blick haben. Danach mehrten sich die Anzeichen, dass das nur vorgetäuscht war. Unübersehbar wurde das 2009 beim desaströsen Kopenhagen-Gipfel. Seither schleppt sich der Kyoto-Prozess mühsam über die Runden. Die jetzt zu Ende gegangene Durban-Konferenz zeigte das wieder. Ihr Ergebnis: Ernsthafter Klimaschutz wird knapp ein Jahrzehnt vertagt. 2020 soll es nun soweit sein.

So kann es nicht weitergehen. Radikal andere Modelle statt des mühsamen Aushandelns von CO2-Zielen und Zieljahren müssen verfolgt werden. Einer ist der „Budget-Ansatz". Dabei wird von der Zwei-Grad-Erwärmungsgrenze ausgegangen, auf die die Weltgemeinschaft sich beim Klimagipfel 2010 im mexikanischen Cancún bereits geeinigt hat, und teilt den Ländern der Erde die noch "zulässige" CO2-Verschmutzung gerecht zu. Zugrunde gelegt wird dabei die jeweilige Bevölkerungszahl.

Klimaforscher können errechnen, welche Mengen Treibhausgase die Erdatmosphäre noch "verkraften" kann, wenn die zwei Grad gehalten werden sollen. Das restliche "Budget" beträgt rund 750 Milliarden Tonnen CO2. Zum Vergleich: 2010 verursachen Auspuffe, Schornsteine und vernichtete Wälder 33,5 Milliarden Tonnen CO2 - ein neuer Rekord. Schafft es die Weltgemeinschaft, die CO2-Fracht von 2015 an abzusenken, müsste der Schadstoffausstoß in der Folge um fünf Prozent pro Jahr fallen, um die Erwärmung in Grenzen zu halten. Käme die Trendumkehr erst 2020, wären sogar neun Prozent an jährlicher Reduktion notwendig. Das ist auf dem klassischen Kyoto-Weg kaum zu schaffen. Zur Erinnerung: Das 1997 beschlossene Kyoto-Protokoll ließ den Industrieländern 15 Jahre Zeit, den CO2-Ausstoß um im Durchschnitt 5,2 Prozent zu vermindern.


Der Umweltbeirat der Bundesregierung will Emissionen auf Erdenbürger gerecht verteilen. (Foto: Ishmatt/Flickr)

Rechnet man das Rest-Budget pro Erdenbürger aus, wird klar, wie stark die Industrieländer auf die Bremse treten müssen: Jeder Mensch dürfte pro Jahr 2,7 Tonnen CO2 verursachen. Zum Vergleich: In den USA liegt der Wert heute bei 17 Tonnen, in Deutschland bei zehn. Die USA hätten ihr Budget nach nur sieben Jahren aufgebraucht, Deutschland nach zehn, China nach 24. Staaten wie Indien und Vietnam blieben 80 Jahre. Unterentwickelte Länder dagegen hätten noch jede Menge "Luft". Burkina Faso könnte noch 2900 Jahre lang auf derzeitigem Niveau CO2 produzieren.

Entwickelt wurde das Budget-Modell bereits 2009 vom Umweltbeirat der Bundesregierung (WBGU). Es liefere einen "einfachen, transparenten und fairen Schlüssel" für die Verteilung der Klimaschutz-Lasten, argumentieren die Wissnschaftler. Tatsächlich könnte das Modell das enervierende Gefeilsche zwischen den Staaten und Ländergruppen auf den jährlichen Klimagipfeln überflüssig machen. Jedes Land bekäme – völkerrechtlich festgeschrieben – ein eigenes, nach Einwohnerzahl festgelegtes Budget, mit dem es haushalten muss.

Freilich: Das Modell würde nicht ohne internationalen "Emissionshandel" funktionieren. Es ist schließlich völlig undenkbar, dass etwa die USA ihren Schadstoffausstoß bis 2018 auf Null bringen. Die Industrieländer, aber auch die Schwellenländer müssten bei Entwicklungsländern Emissionszertifikate kaufen, die von ihnen nicht gebraucht werden. Vorteilhaft wäre das für beide Seiten. Die Klimasünder müssten ihre Emissionen nicht so abrupt senken, die armen Länder könnten Einnahmen verbuchen, um daraus die eigene Entwicklung und Anpassung an den Klimawandel zu finanzieren.

Die Initiatoren machen sich keine Illusionen, dass der Budget-Ansatz schnell das Kyoto-Modell ersetzt. Er wurde vor zwei Jahren beim Kopenhagen-Gipfel erstmals vorgestellt. Es gab damals positive Resonanz – nicht nur bei Klimaexperten aus Europa, sondern auch aus China und Indien. "Gerade in diesen Ländern wird über solche Konzepte diskutiert", sagte WBGU-Vizecef Dirk Messner, der Direktor des Deutschen Instituts für Entwicklungspolitik in Bonn. Große Vorbehalte gibt es allerdings von US-Seite: Das energiehungrige Land müsste viele Zertifikate zukaufen.

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