Der Überraschungscoup der Chinesen
DER KOMMENTAR:
Joachim Wille, Redakteur bei klimaretter.info, über die Chance, Klimageschichte endlich im Positiven zu schreiben.
Viele hatten Durban schon aufgegeben. Der Weltklimagipfel als letztes Umdrehung der heißlaufenden, zunehmend monströsen Konferenzmaschinerie. Selbst Klimakanzlerin a. D. Angela Merkel. Fortschritte bei der Verlängerung des Kyoto-Protokolls seien bei dem Treffen in Südafrika nicht zu erwarten, verkündete sie noch am Wochenende – just zur Halbzeit der Verhandlungen.
Aber am Montag kam dann die Überraschung. Klima-Obereinheizer China mischte den Gipfel auf. Peking zeigte sich erstmals kompromissbereit bei der Frage nach einem neuen umfassenden Klimaprotokoll. Ab 2020 könne man international bindende Verpflichtungen zur CO2-Reduktion eingehen, sagte Chinas Umweltminister Xie. Bisher hatte Peking das kategorisch ausgeschlossen. Nur die alten Industrieländer, die die Atmosphäre seit 150 Jahren aufheizen, seien hier gefordert. Inzwischen aber reift offenbar auch in China die Erkenntnis, dass das große Land bei einem dramatisch fortschreitenden Klimawandel auch schwere ökonomische Schäden davontragen wird, deren Verhinderung ein weltweit abgestimmtes Handeln nötig macht. Zudem steigt in China der CO2-Ausstoß so rasant, dass Peking nicht mehr mit einem Finger auf die bösen Industrieländer zeigen kann, ohne dass vier Finger auf es selbst zurückweisen.

"Ich liebe das Kyoto-Protokoll" - in Durban überall zu sehen, auf Wänden, Stickern, T-Shirts. (Foto: Kern)
Freilich: Xie stellte Bedingungen. Die Industrieländer sollen zum Beispiel eine zweite Kyoto-Periode mit verschärften CO2-Zielen bis 2020 abschließen, was aber ohnehin kommen muss, wenn die Welt noch eine Chance auf Einhaltung des Zwei-Grad-Erwärmungslimits haben soll. Doch bereits Pekings grundsätzliches Ja zu einem neuen, umfassenden Klimaprotokoll bringt Spannung in die Verhandlungen. Es könnte die Blockade zwischen den beiden Emissions-Großmächten USA und China aufheben, die sich bisher gegenseitig belauerten. Keiner der beiden wollte den ersten Schritt tun, um dem anderen keine ökonomischen Vorteile zu verschaffen.
Das bedeutet: Nun kommt die große Chance der EU. Sie muss den Schwung aufnehmen und ebenfalls mit einem Signal vorangehen. Die Zeit ist überreif für den seit langem diskutierten Schritt, das CO2-Reduktionsziel der Union von 20 auf 30 Prozent bis 2020 zu erhöhen. Gerade Deutschland argumentiert ja immer, es zahle sich auch ökonomisch aus, Klimavorreiter zu sein. Es sollte sein ganzes Gewicht in die Waagschale werden, damit die Bremserländer in der EU ihren Widerstand aufgeben. So schnell kommt die Gelegenheit nicht wieder, positive Klimageschichte zu schreiben.
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