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Expedition Klimakatastrophe

Sander in Bewegung

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Vor Kurzem habe ich mir den Film "Expedition Happiness" im Kino angeschaut. Ein junges Paar (plus Hund) aus Berlin kauft sich in den USA einen alten Schulbus, baut ihn um und reist damit über Alaska bis runter nach Mittelamerika.

Ein Traum für viele jungen Menschen: einfach aus dem Alltag ausbrechen, eine Weltreise machen, abseits der eingetretenen Pfade nach dem Glück suchen. Der Gedanke ist mir nicht fremd. Nach der Kinovorstellung war ich jedoch enttäuscht. Der Film kommt  kaum über das Niveau eines – zugegeben professionell gemachten – privaten Reisevideos hinaus.

Mehr als die Selfie-Kultur für Fortgeschrittene hat mich jedoch gestört, dass die beiden Protagonisten in keiner Weise die ökologischen Folgen ihres Selbstverwirklichungstrips reflektieren. So kurven sie mit ihrem Monsterbus durch hochsensible Ökosysteme, die gerade in Alaska massiv vom Klimawandel bedroht sind.

30 Tonnen CO2

Beiläufig erwähnen sie im Film, dass ihr Gefährt 30 Liter auf 100 Kilometer schluckt. Legen wir zugrunde, dass sie auf ihrer Reise etwa 30.000 Kilometer zurückgelegt haben, kommen wir einschließlich der Hin- und Rückflüge auf mehr als 30 Tonnen CO2, die die beiden mit ihrem Abenteuer in die Atmosphäre geblasen haben – Emissionen durch Konsumgüter, Lebensmittel und so weiter noch gar nicht eingerechnet.

Zum Vergleich: Der durchschnittliche Bundesbürger stößt pro Jahr knapp zwölf Tonnen Treibhausgase aus, davon gut zwei für Mobilität. Die beiden Protagonisten haben allein mit ihrer Reise jeweils so viel Treibhausgase freigesetzt wie ein Inder insgesamt in zehn Jahren! Geht man nach Maßstäben globaler Gerechtigkeit, dürfte jeder Mensch eigentlich nur zwei Tonnen Treibhausgase pro Jahr emittieren. Der Streifen müsste treffenderweise "Expedition Klimakatastrophe" heißen.

In seinem ersten Film war Felix Starck noch mit dem Rad gefahren: Trailer von "Expedition Happiness". (Video: Felix Starck/​Youtube)

Ich glaube, dass der Film nur ein besonders krasses Beispiel einer an Bedeutung gewinnenden (Jugend-)Kultur ist. Gerade angesichts von globalen Krisen und sozialer Unsicherheit strebt ein junges urbanes Milieu nach Intensität im Augenblick, ungetrübter Lebensfreude und einer scheinbaren Authentizität.

Spaß und Gesellschaftsveränderung

Auch die Hippies und Revoluzzer vergangener Jahrzehnte suchten auf Roadtrips nach dem Sinn des Lebens. Aber sie stellten gleichzeitig die gesellschaftlichen Konventionen infrage und wollten die Grenzen der kapitalistischen Gesellschaft sprengen.

Der Hipster von heute ist eigentlich ein angepasster Typ. Er will nur noch die Grenzen des individuellen Freizeiterlebnisses ausweiten und diejenigen des angeblich unentdeckten Reiselandes überqueren. Es geht ihm um den unmittelbaren Lustgewinn ohne Frustrationstoleranz und ohne Achtsamkeit gegenüber den ökologischen Schranken für das eigene Handeln. Die persönliche Freiheitssuche verbindet er nicht mehr mit der gesellschaftlichen Befreiung und mit einem langfristigen Commitment, die Welt zu verändern.

Ich würde mir wünschen, dass meine Generation beides wieder zusammenbringt: Spaß und Gesellschaftsveränderung. Und dafür habe ich auch einen guten Reisetipp. Das nächste Klimacamp im Rheinland kann alle Bedürfnisse befriedigen: abwechslungsreiche Landschaften, das intensive Gruppenerlebnis der gemeinsamen Baggerblockade, ein bisschen die Welt retten. Nicht zuletzt vernichten wir nicht die natürlichen Lebensgrundlagen der Menschen, die wir auf unserer Reise besuchen, sondern wir verteidigen sie.

BildAuf der Jagd nach dem perfekten Schnappschuss verursachen Glückssucher riesige Mengen von Treibhausgasen. (Foto: Max Pixel/​Free great picture)

Dem Aktivisten und Politikwissenschaftler Hendrik Sander geht es beim Klimaschutz nicht nur um die technische Revolution, sondern auch um die soziale. Darauf wartet er nicht gern auf dem Sofa – lieber geht er auf die Straße

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