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Konsumkritik: Wir müssen reden!

Sander in Bewegung

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Kennen Sie das: Manchmal ärgert man sich so, dass man aufschreien möchte. Aber dann ballt man doch nur die Faust in der Tasche. So ähnlich geht es mir oft beim Thema ökologischer Konsum. Kürzlich ermahnte mich ein guter Freund, dass ich im Begriff bin, die Plastiktüte in den falschen Mülleimer zu werfen, nur um mir wenige Minuten später begeistert davon vorzuschwärmen, dass er über Ostern für eine Woche nach Neuseeland fliegt, um bei einer Öko-Safari seltene Vögel zu beobachten.

Ich wollte ausrufen: Just don't do it! Aber ich habe geschwiegen. Kritik am persönlichen Konsum ist out. Sie erscheint vielen als befremdlicher Eingriff in das Leben des anderen. Dabei sitzt mein Freund einer so verbreiteten wie falschen Vorstellung auf: Man müsse bei den machbaren Schritten und den kleinen Gesten anfangen. Das Gegenteil ist der Fall. Angesichts der lebensbedrohlichen Dringlichkeit des Klimawandels müssen wir schnell die großen Emissionsquellen beseitigen, um auf die global verallgemeinerbaren zwei Tonnen CO2 pro Kopf und Jahr runterzukommen.

Drei Typen mit falschen Antworten

Dass die Deutschen im Jahr 2013 durchschnittlich immer noch rund 11,5 Tonnen CO2-Äquivalent in die Atmosphäre bliesen, zeigt, wie kurzgesprungen der Fokus auf die symbolischen Verhaltensweisen ist. Übrigens sollte nicht vergessen werden, dass der grün wählende Lehrer in aller Regel deutlich mehr Emissionen zu verantworten hat als die vom Jobcenter abhängige Arbeitslose.

Der Umgang mit dem eigenen Konsum ist also ein schwieriges Terrain. Es birgt viele Fallstricke und falsche Antworten, die sich exemplarisch an drei Typen verdeutlichen lassen.

Da ist erstens der puritanische Öko-Asket. Er predigt individuellen Konsumverzicht und hat eine masochistische Freude am Engerschnallen des Gürtels. Er übersieht dabei aber, dass seine Attitüde perfekt zur neoliberalen Sparideologie passt.

Dann gibt es zweitens den optimistischen Technokraten, der glaubt, Markt, Wettbewerb und technologischer Fortschritt würden alle Klimaprobleme von selbst lösen. Ihm zufolge ist ökologische Genügsamkeit nur etwas für Hinterwäldler.

Nicht zu vergessen ist drittens der linke Hedonist. Weil die Industrie die alleinige Schuld an der Zerstörung der Lebensgrundlagen trage und es dafür innerhalb des Kapitalismus ohnehin keine Lösung gebe, müsse über Umweltschutz erst nach der Revolution geredet werden, findet er. Vorher könne man alles mitnehmen, was man zu greifen kriegt – inklusive der naturzerstörerischen Annehmlichkeiten der kapitalistischen Gesellschaft.

Die "imperiale Lebensweise"

Meine hedonistischen Gefährten haben insofern Recht, als unser wachstumsbasiertes Wirtschaftssystem tatsächlich die wesentliche Ursache für die bedingungslose Unterwerfung der Natur unter gesellschaftliche Zwecke darstellt. Die mächtigen fossilistischen Konzerne sind dementsprechend die größten Gegner, wenn es darum geht, echte Klimagerechtigkeit durchzusetzen. Deswegen ist es strategisch richtig, Konsumkritik nicht in den Vordergrund der eigenen politischen Erzählung zu stellen, sondern zuvorderst die großen Klimaverschmutzer anzugehen.

Doch wo bleibt bei all der berechtigten Kapitalismuskritik die Rolle des Konsums? Die Sozialwissenschaftler Ulrich Brand und Markus Wissen geben uns mit ihrem Konzept der "imperialen Lebensweise" eine Möglichkeit an die Hand, beides zusammenzudenken. Die beiden vertreten die These, dass sich in den westlichen Mittel- und Oberschichten – und zunehmend auch bei den Eliten der Schwellenländer – Lebens- und Konsumformen herausgebildet haben, die auf der Ausbeutung der Natur in anderen Weltregionen basieren. Soziale Normen, Angebotsstrukturen und Alltagszwänge lassen die ressourcenintensiven Lebensstile als eine alternativlose Normalität erscheinen.

Individuelles Verhalten hat also sehr wohl einen Anteil am Klimawandel, ist aber kaum entwirrbar mit den Reizen und Zwängen unserer Gesellschaft verstrickt.

Das System muss sich ändern und wir auch

Linke Klimagruppen ziehen daraus die Konsequenz, auf moralisierende und individualisierende Verzichtsdebatten zu verzichten. Stattdessen setzen sie darauf, neu auszubuchstabieren, was ein gutes Leben jenseits des kapitalistischen Wachstums heißen könnte und welche gesellschaftlichen Voraussetzungen dafür notwendig wären, um Klimaschutz und soziale Gerechtigkeit zu versöhnen. Ein kostenfreier öffentlicher Nahverkehr könnte so ein Ansatz sein. Die Verschwendung belohnende Strompreisgestaltung müsste umgekehrt werden und alle bräuchten genug Geld, um sich ökologische Lebensmittel leisten zu können.

Alles richtig. Aber bleibt nicht eine individuelle Verantwortung, jetzt anders zu handeln? Vielen Klima-Aktivisten ist es wichtig, selbst sehr CO2-arm zu leben. Sie verbinden dieses Bemühen aber selten mit ihrer politischen Praxis. Auch ich versuche, das mit den zwei Tonnen ernst zu nehmen. Weder habe ich ein Auto noch fliege ich – auch nicht aus politischen oder beruflichen Gründen. Meinen Urlaub mache ich meist mit dem Fahrrad auf der Mecklenburgischen Seenplatte. Ich heize kaum, ernähre mich klimabewusst und lebe überhaupt von kaum mehr als zu meinen Studentenzeiten.

BildKonsumterror macht nicht nur uns kaputt, sondern auch den Planeten. (Foto: Erin Nekervis/Flickr)

Wie können wir die persönliche Verantwortung zu einem öffentlichen Thema machen, ohne die Überwindung des Kapitalismus aus dem Blick zu verlieren? Zunächst in der Umweltbewegung und dann in der breiteren Gesellschaft müsste eine ehrliche Debatte darüber beginnen. Irgendwann sollte es selbstverständlich sein, dass ich meinen Freund bitten kann, seinen Neuseelandflug zu stornieren.

Dem Aktivisten und Politikwissenschaftler Hendrik Sander geht es beim Klimaschutz nicht nur um die technische Revolution, sondern auch um die soziale. Darauf wartet er nicht gern auf dem Sofa – lieber geht er auf die Straße

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