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Schneller, höher, weiter?

Der gute Wille

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Stolz wie Bolle waren sie im Berliner Bahntower. In 3 Stunden 55 nach München. Nachmittags Abfahrt, abends schon im Hofbräuhaus. Fast wie Fliegen auf Höhe null, aber klimafreundlicher.

Doch dann kam die Pannenserie.

Zwei Stunden Verspätung im Premierenzug auf der neuen Schnellstrecke, Zugausfälle, Vollbremsung wegen Fehlern im neuen Zugsicherungssystem ETCS, bundesweit 16 ICE wegen Schnee- und Eisschäden in Reparatur, Streckensperrung Frankfurt–Köln, Weichenheizung defekt. So die Bilanz von einer Woche mit dem neuen Fahrplan. Ab diesem Wochenende soll alles endlich – oder wieder – funktionieren. Wir sind gespannt.

Bahn-Bashing ist eine Art Volkssport. Man sollte es damit auch nicht übertreiben. Autobahnstaus und Motorpannen sind ähnlich ärgerlich, eignen sich jedoch weniger für den kollektiven Aufschrei.

Trotzdem wird man den Eindruck nicht los, dass die Bahn sich immer noch nicht von der Gigantismus-Ära verabschiedet hat. Die jetzt eingeweihte Neubaustrecke quer durch den Thüringer Wald ist dafür ein Symbol.

Die Bahn prahlt mit dem Wahnsinnstempo, das sie, zumindest theoretisch, auf den Schnellstrecken hinlegen kann, vernachlässigt aber ganz offensichtlich den normalen Betrieb und die Zuverlässigkeit. Sie fährt auf Verschleiß. Tempo 300 Spitze auf der dafür ausgelegten Trasse über Riesenbrücken und Langtunnel soll die Zeitgenossen beeindrucken und Kunden vom Flugzeug auf die Schiene locken.

Wenn das so kommt, ist es gut. Doch hätte man es durch einen anderen Trassenverlauf und Ausbau- statt Neubaustrecken auch viel billiger und naturschonender haben können.

Und viel mehr Kunden würden einsteigen, wenn die DB nicht immer wieder mit Unzuverlässigkeit und Verspätungen Schlagzeilen machen würde und außerdem ein kundenfreundliches Preissystem hätte, bei dem die eingesparte Fahrzeit nicht schon bei der Ticket-Schnäppchenjagd am Computer draufgeht.

Vom Tempowahn hat sich die Bahn AG faktisch bereits verabschiedet. Der neue ICE 4 ist nur noch auf 250 Spitze ausgelegt, weil höheres Tempo einfach zu viel Strom kostet und den Klimaschutz-Vorteil gegenüber dem Auto minimiert. Von einem durchgängig umweltfreundlichen Bahnkonzept ist die DB aber leider immer noch weit entfernt.

Bild"Schneller, höher, weiter" zieht nicht mehr, gefragt ist "Besser, grüner, kundenfreundlicher". (Foto: Roderick Eime/​Flickr)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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