Anzeige

Schneekanonen als Klimaschützer

Der gute Wille

Bild

Umweltschützer gehen auf die Palme, wenn sie das Wort Kunstschnee hören. Vor allem in den Alpen versuchen Skiorte, den Winter mit Beschneiungsanlagen herbeizuzwingen, wenn er nicht kommen will – was wegen des Klimawandels immer häufiger der Fall ist.

30 bis 70 Prozent weniger Schneefall in den Alpen sagen Forscher bis 2100 voraus. Und seit Jahren geht der Streit darum, ob der hohe Energieverbrauch der Anlagen zu rechtfertigen ist und die dafür nötigen baulichen Eingriffe in die Natur, etwa für die Anlage von Speicherbecken, tolerabel sind.

Für die Umweltschützer ist die Sache klar: Die Wintersport-Orte sollen sich umstellen, auf Wander-Tourismus zum Beispiel, statt selber mit Kälteaggregaten Frau Holle 2.0 zu spielen.

Nun wird die Debatte ganz neu aufgemacht. Der Kunstschnee hilft nämlich, den Klimawandel einzudämmen – behauptet zumindest der Verband der österreichischen Seilbahn-Betreiber, der dazu eine Studie in Auftrag gegeben hat. Darin wird nun so argumentiert: Die weißen Schneeflächen reflektieren den Großteil des auf sie fallenden Sonnenlichts zurück ins Weltall und erwärmen sich weniger so stark, als es die unbeschneiten, dunklen Grasböden tun würden. Der sogenannte Albedo-Wert ist höher.

Die Experten eines Grazer Klima-Instituts haben 79 Tiroler und 32 steirische Skigebiete untersucht. Und für sie ist klar: "Der positive klimatische Effekt der Oberflächen-Albedo-Änderung aufgrund beschneiter Pisten überwiegt den negativen Emissionseffekt der Kunstschnee-Erzeugung." Will sagen, je mehr Hügel künstlich geweißelt werden, desto klimafreundlicher. Ein besseres Ergebnis hätte es für die Skiorte, die um ihr Einkommen fürchten, gar nicht geben können. Schneekanonen als Klimaschützer!

Doch es kam, wie es kommen musste. Andere Experten, nämlich von der Uni Innsbruck, trauen den Ergebnissen nicht. Die Grazer Kollegen hätten wichtige Faktoren vergessen, argumentieren sie. Zum Beispiel den Aufwand für die Verteilung des Kunstschnees und den Bau der Infrastruktur für die Kunstschnee-Anlagen. "Welche Auswirkungen die Beschneiung auf das Klima hat, kann derzeit niemand seriös beantworten", meint ein Innsbrucker Professor.

Es wäre ja auch zu schön gewesen, wenn die Reparatur der Folgen des Klimawandels so einfach funktionieren würde: Einfach mit der Schneekanone draufhalten – und alles wird gut.

BildSchneekanonen als Klimaschützer: Wenn Liftbetreiber dazu von einem privaten Institut eine Studie anfertigen lassen, die nicht in einer Fachzeitschrift veröffentlicht wird, lohnt ein zweiter Blick. (Foto: Marcino/​Pixabay)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

Zur Kolumnen-Übersicht

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen