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Knurrhahn da, Kabeljau weg

Der gute Wille

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Vegetarier, bitte erst beim zweiten Absatz einsteigen. Denn es geht hier um essbaren, wohlschmeckenden Fisch. Um Fisch aus der Nordsee, wie Scholle, Hering oder Kabeljau. Diesen Arten macht nicht nur der Nicht-Vegetarier zu schaffen, der sie gerne auf seinem Teller sieht, gebraten, paniert, mariniert, wie es gerade passt. Sondern auch das wärmer gewordene Wasser in dem Meer. Das kälteliebende tierische Plankton, ein wichtiger Teil des Nahrungsnetzes, ist bereits auf dem Rückzug. Und vor allem der Kabeljau leidet, ein besonders temperaturempfindlicher Zeitgenosse. Er ist inzwischen vor die nordnorwegische Küste gezogen, die Fischer müssen ihm einige hundert Meilen hinterher fahren, um die Netze zu füllen.

Die Nordsee hat sich im letzten halben Jahrhundert ungefähr doppelt so schnell erwärmt wie die Ozeane weltweit im Schnitt, so die Bundesregierung in der Antwort auf eine aktuelle Anfrage der Grünen-Bundestagsfraktion. Die mittlere Temperatur ist hier um 1,67 Grad angestiegen, während es sonst nur 0,74 Grad waren. Und der Trend besteht weiter. Bis 2100 könnten 1,7 bis 3,2 Grad hinzukommen. Tatsächlich hat das Bundesamt für Seeschifffahrt und Hydrographie 2016 für die Nordsee mit elf Grad den zweithöchsten je gemessenen Wert gemeldet, nur 2014 war es mit 11,4 Grad noch wärmer gewesen.

Natürlich ist die Veränderung der Arten nur ein Problem, das vom Klimawandel ausgelöst wird. So wird der Meeresspiegel weiter ansteigen, möglicherweise, wenn der Treibhausgas-Anstieg global nicht schnell gesenkt wird, bis 2100 um einen ganzen Meter. Besonders drastisch wird der Effekt dort sein, wo sich das Land seit der letzten Eiszeit senkt – etwa an der Westküste Dänemarks oder in den Niederlanden. Die Folgen von Sturmfluten und Winterstürmen werden heftiger. Die Kosten für den Küstenschutz steigen, das ist so sicher wie Ebbe und Flut.

Schon jetzt läuft in den Küstenländern die Anpassung an die steigenden Fluten. Allein in Schleswig-Holstein müssen bis 2025 rund 92 Kilometer Deiche erhöht werden, was mit rund 300 Millionen Euro zu Buche schlägt. Viel Aufwand. Mehr jedenfalls als für die Fischesser, die sich umstellen müssen. Arten aus dem Süden machen sich in der Nordsee zunehmend breit, wie Sardelle, Streifenbarbe, Wolfsbarsch und Roter Knurrhahn. Und aus Miesmuschelbänken werden zunehmend Austernriffe.

BildHöhere Temperaturen in der Nordsee bringen den kälteliebenden Kabeljau ins Schwitzen, weshalb er bereits in nördlichere Gefildere gezogen ist. (Foto: Hans Hillewaert/​Wikimedia Commons)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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