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Zu dicke Luft

Der gute Wille

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Der Chemiker Michael Braungart ist in der Wortwahl nicht zimperlich. Moderne Gebäude, gut gedämmt und abgedichtet, würden "quasi zu Gaskammern", sagt der Professor. Die durchschnittliche Belastung von Innenräumen mit Schadstoffen sei drei- bis achtmal höher als die der Außenluft in den Städten, warnt er. Der Grund: Nicht wenige Baumaterialien, Einrichtungsgegenstände und andere in den Wohnungen genutzte Produkte gasen Schadstoffe aus, und wenn nicht gut gelüftet wird, sind Gesundheitsschäden vorprogrammiert.

Das Problem ist zwar bekannt, doch den Richtern des Europäischen Gerichtshofs offenbar schnuppe. Sie verboten den EU-Mitgliedsstaaten im vorigen Jahr, an Bauprodukte strengere nationale Anforderungen zum Gesundheitsschutz zu stellen. Das Umweltbundesamt (UBA) warnte jetzt vor den Folgen dieses Urteils. Tatsächlich wird es schwerer, die "dicke Luft" in Innenräumen zu beseitigen.

Das Urteil hat nämlich einschneidende Folgen. So darf das Deutsche Institut für Bautechnik die früher üblichen anspruchsvollen Tests für Bauprodukte, die die Innenraum-Luft beeinträchtigen könnten, nicht mehr verlangen. Das bis dahin von den Experten vergebene "Ü"-Zeichen – Ü wie Übereinstimmung – stellte auch strenge Anforderungen an flüchtige organische Verbindungen (VOCs). Die können etwa aus Fußbodenbelägen, Lacken oder Dichtstoffen ausgasen. In hohen Konzentrationen sind sie gesundheitsschädlich, auch Kopfschmerzen und Schwindel drohen.

Ein Vorschlag der EU-Kommission, das Problem zu lösen, geht dem UBA nicht weit genug. Brüssel favorisiert eine Ergänzung der EU-weit üblichen CE-Kennzeichnung von Bauprodukten um gesundheitliche Aspekte. Die Krux dabei: Der Vorschlag lässt zum Beispiel VOC-Emissionen zu, ohne das dies gekennzeichnet werden muss.

"Die hohen deutschen Standards sind in Gefahr", warnt das UBA, "da wir uns über 80 Prozent der Zeit in Innenräumen aufhalten, sehen wir das sehr kritisch." Ob Parkett im Wohnzimmer, Teppich im Kindergarten oder Wandanstrich im Büro: Die Verbraucher müssten erkennen und nachprüfen können, ob Bauprodukte unbedenklich sind.

Öko-Professor Braungart meint übrigens, auch das "Ü"-Zeichen reiche längst nicht. Er fordert in dem von ihm entwickelten "Cradle to Cradle"-Designkonzept, dass alle Produkte – von der Schuhsohle über den Computer bis zum Dachstuhl – von vornherein so konzipiert werden müssen, dass sie keinerlei Schadstoffe freisetzen. Ein Tipp für die EuGH-Richter. Könnten sie mal drüber nachdenken.

BildSymbolbild: Antistatika, Antisoilings, Mottenschutzmittel – mit allerlei Chemie wird ein moderner Teppich behandelt. (Foto: František Krejčí/​Pixabay​)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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