Miscanthus schlägt Erdöl

Der gute Wille

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Miscanthus ist ein Schilfgras. Kommt eigentlich aus China, bei uns kennt man das Gewächs als Zierpflanze. Es steht in vielen Gärten, und da tut es weiter nichts, als schön auszusehen. Sagen zumindest die, denen das China-Schilf gefällt.

Doch es steckt viel mehr in der Gattung Miscanthus, von der es über ein Dutzend Arten gibt. Die bis zu drei Meter hohe Pflanze hat das Potenzial, Erdöl als Rohstoff in vielen Verwendungsformen zu ersetzen. So kann man aus Miscanthus-Stroh Zucker machen und daraus die Chemikalie Hydroxymethylfurfural (HMF), die als Ausgangsstoff zum Beispiel für Plastikflaschen oder Nylonstrümpfe taugt.

Aus dem Reststoff Lignin, das dem Schilf als Stützmaterial dient, entsteht wiederum Phenol, ein weiterer Zwischenstoff für die Kunststoffproduktion. Und selbst das, was dann noch von dem Gras übrig bleibt, lässt sich nutzen – als Energierohstoff in einer Biogasanlage und anschließend als Dünger wieder auf den Feldern.

Wer sich darüber klar wird, welch ein Tausendsassa Miscanthus also ist, fragt sich unweigerlich: Warum wird diese Chance für eine "Bio-Industrie" nicht längst überall genutzt? Und was kann getan werden, um die Schilfgras-Ökonomie in Schwung zu bringen? Dieser Frage geht, unter Federführung der Universität Hohenheim in Stuttgart, ein Verbund aus 23 Universitäten, Agrarunternehmen und Industrie in einem 15-Millionen-Euro-EU-Projekt nach.

Grundsätzlich wissen die Experten natürlich, woran es hakt: Miscanthus anzubauen ist aufwändig und teuer, weil die Pflanze bisher über Ableger gepflanzt werden muss. Bauern, die trotzdem einsteigen wollen, finden nicht genug Abnehmer in der Industrie. Und für die Industrie wiederum reichen die bisher verfügbaren Mengen nicht aus, um rentabel Produkte daraus herzustellen. Zudem gibt es das "Tank oder Teller"-Problem: die Befürchtung, dass durch den Flächenbedarf für großflächigen Miscanthus-Anbau eine Konkurrenz um die besten Böden entsteht.

Die deswegen angepeilten Lösungen: Es soll der Anbau neu gezüchteter Schilfsorten getestet werden, die man auch aussäen kann, und zwar zum Teil auf Böden, die aufgrund schwacher Erträge zur Nahrungsmittelproduktion nicht taugen oder mit Schwermetallen belastet sind. Auch neue Miscanthus-Produkte will man entwickeln, zum Beispiel Grundchemikalien, Öko-Baustoffe, Kosmetikprodukte, Agrosprit und Bioherbizide als Glyphosat-Ersatz. Wenn das alles was wird, ist es das EU-Forschungsgeld wirklich wert.

BildChinaschilf-Ernte, hier in Frankreich: Die neue Bioökonomie soll ökonomisch und ökologisch tragfähig sein. (Foto: Hamsterdancer/​Wikimedia Commons)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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