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Angriff auf den Amazonas-Wald

Der gute Wille

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Ein Jahrzehnt lang gab es Grund für Optimismus. Die Zerstörer des Regenwalds in Südamerika, der größten Klimamaschine des Planeten, waren in der Defensive. Sie zogen sich mehr und mehr zurück. Seit rund zwei Jahren ist das anders, wie Satellitenbilder zeigen. Riesige Flächen des Amazonas-Urwalds gingen verloren. Ursache ist vor allem die weltweit steigende Nachfrage nach Soja, das als Viehfutter dient. Immer mehr Regenwald wird in Soja-Farmland umgewandelt.

In Brasilien haben die Unternehmen, die für Brandrodung und Abholzung verantwortlich sind, die Rückendeckung der Regierung. Und die Gefahr für den größten Urwald der Erde wächst. Denn derzeit plant die liberal-konservative Übergangsregierung, die Amazonas-Schutzgebiete um 6.000 Quadratkilometer zu verkleinern. Das entspricht mehr als der doppelten Fläche des Saarlands. Präsident Michel Temer hat angekündigt, nächste Woche zwei Dekrete zu unterzeichnen, die diese Kehrtwende in der Naturschutzpolitik des Landes besiegeln.

Mittel- bis langfristig sind weitere 100.000 Quadratkilometer Schutzgebietsflächen sowie Ureinwohner-Territorien gefährdet, die für Landwirtschaft, Bergbau und Infrastrukturentwicklung laut Umweltstiftung WWF aufgelöst, verkleinert oder im Schutzstatus gemindert werden sollen. Betroffen wäre auch der größte Tropenwald-Nationalpark der Welt, der Tumucumaque-Nationalpark im Norden des Landes.

Temer steht wegen einer Schmiergeld-Affäre politisch gewaltig unter Druck. Er könnte sogar sein Amt verlieren. Umweltschützer befürchten, dass die Regierung trotzdem oder gerade deshalb nun noch radikaler an der Schwächung des Umweltschutzes arbeitet. "Im Schatten einer großen Korruptionsaffäre sollen auf die Schnelle die großen Geschenke an die Agrar- und Bergbauindustrie durchgeboxt werden", warnt WWF-Vorstand Christoph Heinrich. Damit ist nicht nur die einmalige Biodiversität am Amazonas in Gefahr, sondern auch Brasiliens Beitrag zum Pariser Klimavertrag. Die CO2-Speicherfähigkeit der Wälder ist für die Klimabilanz des Landes entscheidend.

Der WWF hofft, dass Temer ein Veto ausspricht. Der von seinem Umweltminister Sarney Filho zwischenzeitlich mit Abgeordneten und Vertretern der Industrie ausgearbeitete Kompromiss ist vom Parlament nämlich komplett ignoriert worden. Es steht nun eine extreme Hardliner-Fassung zur Abstimmung. Der WWF hat übrigens an Kanzlerin Merkel appelliert, sich hier einzuschalten. Als wichtigster Geldgeber des bisher erfolgreichen Amazonas-Schutzprogramms Arpa habe Deutschland "ein besonderes Interesse, aber auch die Legitimität, auf den Erhalt der Schutzgebiete zu drängen".

BildRegenwald weg: Für billiges Viehfutter wird in Brasilien wieder mehr Urwald zerstört. (Foto: NASA/​Wikimedia Commons)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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