Wenn die Tortilla vertrocknet

Der gute Wille

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Am schlimmsten war die "Tortilla-Krise". Die Mexikaner waren in heller Aufregung: Der Preis für die traditionellen Fladen aus Maismehl und Wasser war 2007 binnen kurzer Zeit auf unvorstellbare Höhen geklettert, hatte sich teilweise vervierfacht. Kein Wunder, dass das Proteste auslöste: Die Tortilla ist für die Mexikaner nicht nur ein Nationalsymbol, sie spielt auch für die Ernährung eine große Rolle. Die Armen im Land decken laut Experten rund 40 Prozent ihres Proteinbedarfs aus den Teigfladen.

Nicht nur beim Mais, auch beim Weizen gab es damals eine Preisexplosion, und dann wieder 2010 und 2012. Vor allem zwei Ursachen wurden damals für die beiden Krisen ausgemacht: die Spekulation auf den Rohstoffmärkten, die inzwischen auch Nahrungsmittel erfasste, und die wachsende Nutzung von Ackerland für die "Biosprit"-Produktion – Weizen und Mais landen bekanntermaßen immer öfter im Tank statt auf dem Teller.

Doch offenbar ist das nur ein Teil der Wahrheit, und nicht einmal der wichtigste. Forscher des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung haben jetzt herausgefunden, dass die Preisspitzen im Weizen-Handel hauptsächlich nach wetterbedingten Ernteeinbrüchen auftraten – ausgelöst durch schwere Dürren. Das zeigt ihre Analyse der globalen Daten zum Weizenmarkt aus den letzten 40 Jahren. Spekulation und Agrarsprit seien nicht entscheidend gewesen, so die Klimaforscher.

Verantwortung haben allerdings auch die Händler und die Politik. Die Schocks bei den Ernten wurden nämlich teils noch zusätzlich verstärkt – dann, wenn die Lagerbestände des Getreides in den betroffenen Ländern gering waren oder die Regierungen eine Handelspolitik der Abschottung betrieben.

Das Risiko für explodierende Getreidepreise steigt, wenn der Klimawandel weiter schnell fortschreitet und Wettextreme häufiger werden. Das ist klar. Und ebenso einsichtig, dass nur eine Stabilisierung der Erwärmung bei zwei Grad, besser aber 1,5 Grad, wie im Pariser Klimavertrag beschlossen, die weitere Zunahme von Dürren oder Überschwemmungen begrenzt. Doch das allein reicht nicht, um Preisspitzen bei den Nahrungsmitteln zu verhindern. Es braucht, so die Potsdamer Forscher, auch mehr nachhaltige Nahrungsproduktion, bessere Lagerhaltung und klügere Handelspolitik.

Gäbe es dann noch durchgreifende Maßnahmen gegen die Spekulation mit Weizen und Co, hätte wohl auch niemand etwas dagegen. Außer den Spekulanten natürlich.

BildDer Preis des Maises steigt, wenn das Angebot zurückgeht oder die Nachfrage zunimmt. (Foto: Schulze von Glaßer)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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