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Britische Sektlaune

Der gute Wille

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Den Brexit-Sekt hat sie bestimmt schon kaltgestellt. Regierungschefin Theresa May ist sicher, dass sie gewinnen wird. Sie beschert den Briten Neuwahlen, um danach den EU-Ausstieg mit mehr politischer Macht im Rücken verhandeln zu können. Es wird britischer Sekt sein, das ist klar. Denn eine oberste Brexiteerin, die mit französischem Campagner anstößt, produziert von den Froschschenkel-Fressern von jenseits des Kanals? Das geht nun wirklich nicht.

Früher wäre das eine Strafe gewesen. Britischer (Schaum-)Wein, angebaut von ein paar Reb-Enthusiasten in der Grafschaft Sussex, war eine ziemliche Plörre, in kalten Jahren kaum trinkbar. Doch das hat sich geändert, seitdem der Klimawandel die Sommer in den südlichen Grafschaften Großbritanniens wärmer und sonniger gemacht hat. Seit den 1990er Jahren beobachten Meteorologien auch hier einen spürbaren Anstieg der mittleren Jahrestemperatur. Die Folge: Neben der Brexit-Revolution findet auf Mays Insel gerade auch eine weitere statt – auf dem Sektor der Schaumwein-Produktion.

Potente Investoren lassen in Sussex, Hampshire und Kent ganze Apfelplantagen roden, um sie in Wingerte umzuwandeln. Die Winzer in spe geben sich dabei nicht mehr mit mittelmäßigen deutschen Sorten ab, sie pflanzen Chardonnay, Pinot Noir und Pinot Meunier an, die Gewächse, aus denen die Franzosen Champagner machen. Die neue Generation der britischen Sektproduzenten hat qualitativ mit der Traditionskonkurrenz in der Champagne schon fast aufgeschlossen und räumt bei internationalen Verkostungen ab.

Kein Wunder, dass inzwischen sogar das berühmte Champagnerhaus Taittinger in Südengland Land erworben hat und Pommery nachziehen will. Zuhause droht das Klima den Burgundersorten zu warm zu werden, sie könnten die markante Säure verlieren, die die Franzosenbrause auszeichnet.

So gesehen, wäre der Klimawandel ein schlagendes Argument, die EU in ihrer alten Form zu erhalten. Profitieren könnten alle. Die Franzosen, die die britischen Trauben ihrem Champagner untermischen könnten. Aber auch die Briten, die ihren Premium-Sekt ohne neue Handelsabkommen EU-weit verkaufen könnten.

Doch wetten, dieses Argument wird in der aufgeheizten Brexit-Atmosphäre kaum Widerhall finden. Ebenso wie die Nachteile, die der EU-Ausstieg den Briten in fernerer Zukunft bringen wird. Ist doch klar: Der klimabedingte Meeresspiegel-Anstieg wird die Insel irgendwann mal so stark verkleinern, dass der Platz für all die Briten knapp wird. Dann werden sie wieder rein in die EU wollen. Aber ob die das dann noch will, angesichts der vielen anderen Klimaflüchtlinge ...

BildDer Klimawandel macht's möglich: Vom sauren Gesöff zum preisgekrönten britischen Schaumwein. (Foto: Oast House Archive/​geograph)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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