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Das Koffein der Banker

Der gute Wille

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Der Brexit hat Folgen, an die keiner dachte. Die Londoner Banker, ohnehin gestresste Zeitgenossen, trifft es besonders hart. Erkennen kann man das an ihrem Kaffee-Konsum, der Insidern zufolge weiter angestiegen ist, seitdem die Mehrheit des britisches Volks der EU den Rücken kehren will. Schon morgens, auf dem Weg ins Büro, brauchen sie einen Schuss Koffein, sonst stehen sie den Tag nicht durch. Mittags und abends wieder, und zwischendrin sowieso. Coffee-to-go-Becher pflastern deswegen ihren Weg.

Wie viele der bis zu sieben Millionen Kaffeebecher täglich, die auf der Insel täglich geleert und weggeworfen werden, auf ihr Konto gehen, ist nicht ganz genau ermittelt worden. Doch die Menge ist wohl so gigantisch, dass nun in der City of London, dem Bankenviertel in der Innenstadt, gelbe Recyclingtonnen speziell für die To-go-Behälter aufgestellt wurden. Damit auch jeder weiß, um was es geht, und nicht etwa Coladosen, Pizzaschachteln oder Bananenschalen in den Behältern landen, sehen sie wie überdimensionierte Becher aus.

Über 100 Cafés haben die gelben Tonnen in dem nur eine Quadratmeile großen Gebiet des Finanzviertels, der "Square Mile", angeschafft. Auch 36 große Arbeitgeber machen mit, bei ihnen stehen die Behälter direkt in den Büros. Die Initiatoren versprechen, dass die gesammelten Becher wiederverwertet werden. Fünf Millionen der Behälter, die aus Pappe mit einer dünnen Plastikschicht bestehen, wollen sie so bis Jahresende vor Müllverbrennung und Deponie retten, wo die Ex-und-hopp-Gefäße sonst landen würden.

Verlust wiegt schwerer als Gewinn

Schon melden sich Kritiker, die am Sinn der Aktion zweifeln. Tatsächlich greift die Maßnahme, die von Firmen wie Starbucks, Costa und McDonald's gesponsert wird, etwas kurz – angesichts von rund 2,5 Milliarden To-go-Bechern, die die Briten im Jahr insgesamt aussüffeln und wegschmeißen. Anstatt die Becher mühsam einzusammeln, zu recyceln und neu zu produzieren, wäre es doch viel sinnvoller, wiederverwendbare Becher zum Standard zu machen. Schon heute bringen immer mehr umweltbewusste Zeitgenossen ihre eigenen Becher mit, um ihren Koffein-Schuss zu tanken, und immer mehr Anbieter machen dabei auch mit.

Interessanterweise hat eine britische Studie ergeben, dass Coffee-to-go-Käufer dann eher zum wiederverwendbaren Becher greifen, wenn der Kaffee in den Einweg-Bechern mehr kostet als vorher, als wenn umgekehrt das Mehrweg-Gesöff billiger angeboten wird. Die Menschen seien "viel sensibler für Verluste als für Gewinne, wenn sie Entscheidungen treffen", sagte Wouter Poortinga, Leiter der Studie von der Uni Cardiff, zur Erläuterung. Warum das so ist? Man sollte mal die Banker in London fragen.

PS. Wir Deutschen verbrauchen übrigens fast drei Milliarden Einweg-Brecher pro Jahr – noch mehr als die Briten. Und das, obwohl es hier weniger Banker gibt.

BildDie beste Lösung für das Coffee-to-go-Problem, ein formschönes und praktisches Mehrwegbehältnis, hat derzeit offenbar wenig Chancen. (Foto: Christoph/​Pixabay)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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