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Wenn die Luft stockt

Der gute Wille

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Für die einen war es der "Super-Sommer", für die anderen war es tödlich. Die Hitzewelle, die Europa im Sommer 2003 erfasste, ist in die Geschichte eingegangen. Nicht nur, weil man sich in Deutschland ans Mittelmeer versetzt glaubte. Sondern, weil europaweit laut Statistik bis zu 70.000 Menschen vorzeitig starben, vor allem ältere und kranke Menschen, geschwächt von der ungewohnten wochenlangen Hitze.

Auch die verheerenden Überschwemmungen in Pakistan 2010 und die kalifornische Dürre 2012 bis 2016 zählen zu der Serie von Wetterextremen, die auch Nicht-Klimaexperten in Erinnerung geblieben sind. Solche Ereignisse treten in den letzten Jahrzehnten laut Experten häufiger auf, als sie durch die direkte Wirkung der globalen Erwärmung zu erwarten waren.

Es ist durch die zusätzliche Treibhausgas-Fracht in der Atmosphäre eindeutig wärmer geworden, im Schnitt weltweit um rund ein Grad seit Beginn der Industrialisierung, doch nicht so sehr, dass sich allein dadurch diese extremen Hitzewellen und Niederschläge erklären ließen. Klimaforscher diskutieren daher seit einigen Jahren, ob es hier einen zusätzlichen Effekt des Klimawandels gibt. Die Hypothese: Mit der Erwärmung verändern sich auch die gigantischen Luftströme, die die Erde umkreisen und das Wetter beeinflussen. Darunter der sogenannte Jetstream, der auf der Nordhalbkugel wellenförmig in großen Höhen von West nach Ost zieht.

Ein internationales Team von Wissenschaftlern hat nun weitere Belege dafür gefunden. Die Luftströme, die beim Umkreisen der Erde wellenförmig zwischen Tropen und Arktis auf und ab schwingen und dabei Wärme und Feuchtigkeit transportieren, geraten tatsächlich häufiger als früher ins Stocken. Genau in solchen Situationen können dann starke Dürren oder Hochwasser entstehen.

Ein solches Stocken wird durch die globale Erwärmung wahrscheinlicher. Ein wichtige Rolle spielt dabei, dass sich die Arktis schneller erwärmt als andere Erdregionen. Die Luftströme werden nämlich großteils von Temperaturunterschieden zwischen dem Äquator und den Polen angetrieben. Da die Temperaturunterschiede abnehmen, vermindert sich auch der Antrieb von Jetstream und Co.

Der Verdacht war schon da. "Aber jetzt entdecken wir einen deutlichen Fingerabdruck der menschlichen Aktivität", kommentierte der Hauptautor der neuen Studie, der US-Forscher Michael Mann, die neuen Resultate. Mitautor Stefan Rahmstorf vom Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung ergänzte: "Wenn dasselbe Wetter wochenlang anhält, kann in einer Region aus sonnigen Tagen eine heftige Hitzewelle werden, oder Dauerregen führt zu Fluten." Und jeder weiß ja: Weder Super-Sommer noch Super-Fluten sind nur super.

BildDer schöne Rasen! Im August 2003 war auch im Koblenzer Schlossgarten nichts mehr zu retten. In halb Europa litten die Menschen bei bis zu 40 Grad Hitze. (Foto: Holger Weinandt/​Wikimedia Commons)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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