Der Foodabdruck

Der gute Wille

Bild"Werde Klimatarier!" So steht es auf der Startseite von klimatarier.com. Gut und schön. Fragt sich nur: Was ist ein Klimatarier?

Wissen Sie nicht? Macht nichts. Dass man Veganer sein kann, wusste vor ein paar Jahren ja auch kaum einer. Und heute gibt es vegane Supermärkte.

Also, es hat, man ahnt es ja schon, etwas mit der Ernährung zu tun. "Ein Klimatarier is(s)t klimafreundlich." So lernt man es auf der WWW-Seite. Das heißt, der Klimatarier wählt Lebensmittel aus, die möglichst wenig Ressourcen verbrauchen und wenig CO2-Emissionen verursachen. "Dadurch sinkt der Foodabdruck."

Will man da anbeißen? Beim Essen ans Klima denken? An den Foodabdruck? Da kann man sich Schöneres vorstellen. Dabei haben die von klimatarier.com sicher recht, wenn sie uns erklären, dass jeder Deutsche allein durch seine Ernährung jährlich klimarelevante Emissionen verursacht, die rund 1,5 Tonnen CO2 entsprechen. Das ist ziemlich viel. Es handelt sich um fast 15 Prozent der gesamten Pro-Kopf-Emissionen. Und wahr ist garantiert auch das: "Es reicht also nicht, wenn Klimaschutz in aller Munde ist, er muss auch in den Kochtöpfen und auf den Tellern ankommen."

Man muss den Machern der Seite zugute halten, dass sie alles tun, um die Sache eher kurzweilig zu verpacken. Kartoffelstampf mit Birnen und Petersilie? Warum nicht. Eine Kuh ist so klimaschädlich wie ein Auto. Aha. "Ran an das Gemüse", empfehlen sie. Raten: "Vermeide rotes Fleisch!" Singen ein Loblied auf das Selberkochen und -backen. Und machen erstaunliche Rechnungen auf. Etwa: Würden alle Deutschen tierische Lebensmittel durch pflanzliche ersetzen, würde das 35 Millionen Tonnen CO2 einsparen – "das entspricht 7,8 Millionen Autofahrten um die Erde".

Die Handhabung des integrierten Lebensmittelrechners ist einfach: Aus einer Liste kann man Lebensmittel per Drag and Drop auf den virtuellen Teller ziehen, und dann wird die CO2-Bilanz angezeigt und in Relation gesetzt zu Autokilometern und gefällten Bäumen.

Dass Margarine besser abschneidet als Butter, ist schon mal klar. Aber das auf den virtuellen Margarine-Töpfchen die Markennamen Rama, Lätta und Becel stehen, verwundert einen dann doch. Ebenso, dass die Gemüsebrühe nur von Knorr kommt. Bis man herausfindet: Die Klimatarier-Seite wird von dem Konzern Unilever betrieben, der zu den größten Lebensmittel-Herstellern weltweit gehört – und der wohl was im Sortiment hat? Genau.

Eine Bilanz für Eiscreme fehlt übrigens. Und das bei dem Unternehmen, das nach eigenen Angaben der weltgrößte Eiscreme-Produzent ist. Auch in vielen Eisprodukten steckt übrigens Palmöl, und damit, so warnen Umweltschützer, "ein kleines Stückchen gerodeter Regenwald". Ein Schock für jeden Klimatarier.

BildLecker, gesund und klimafreundlich – wenn der Boom richtig abgeht, sind die Konzerne schon da. (Foto: Darja Jakowlewa/Pixabay)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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