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Einen Vers drauf machen

Der gute Wille

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Man kann es seriös ausdrücken. Und so richtig schön langweilig. Die Landwirtschaft habe nur eine Zukunft, "wenn sie naturverträglich ist und Artenvielfalt, Klimaschutz und die Gesundheit der Menschen mit berücksichtigt". So erwartet man es von einer Bundesumweltministerin, die ihrem für Schnitzel, Agrarsubventionen und "Biosprit" zuständigen Kabinettskollegen nicht zu stark auf den Schlips treten will.

Barbara Hendricks (SPD) allerdings hat Christian Schmidt (CSU) gewaltig geärgert – mit ihren jüngst veröffentlichten elf "neuen Bauernregeln". Schmidt selber hat sich schon höchst indigniert gezeigt, er forderte eine Entschuldigung und einen Stopp der Anzeigenserie. Und dann schaltete sich gar CSU-Chef Horst Seehofer höchstpersönlich ein. Der Ober-Bayer detektierte in den von Hendricks abgenickten Reimen eine "Verunglimpfung" und "Beleidigung" des gesamten Bauernstandes. Das zeigte Wirkung. Hendricks ließ die Kampagne jetzt stoppen, und sie entschuldigte sich öffentlich. 

Nur, worüber haben die Herren sich eigentlich aufgeregt? Die Bauernregeln, die trotz des Stopps in der Welt bleiben, geben nur wieder, was Wissenschaftler herausgefunden haben, die oftmals sogar vom Bund dafür bezahlt werden. Siehe: "Ohne Blumen auf der Wiese geht’s der Biene richtig miese." Die Fakten dazu kann man zum Beispiel beim Bundesamt für Naturschutz in Bonn erfahren. Zu viel Dünger, großflächig ausgebrachte Herbizide, zu wenig Ackerrandstreifen, wo auch Blumen wachsen dürfen – und die Bienen darben. Klarer Fall.

"Tun zu viele Rinder wiederkäuen, kann das Klima sich nicht freuen"

Noch eine Kostprobe? "Strotzt der Acker vor Nitraten, kann das Wasser arg missraten." Auch das ist leider eine Folge zu intensiver Landwirtschaft, vor allem der Massentierhaltung, durch die so viel Gülle entsteht, dass die Böden sie nicht mehr aufnehmen können. Das wiederum kann man zum Beispiel auf der Homepage des Thünen-Instituts in Braunschweig nachlesen, einer Behörde, die Minister Schmidt untersteht. Lesen bildet, kann man da nur sagen.

Eines allerdings gilt es tatsächlich an den so erfrischend kurzweiligen Bauernregeln zu kritisieren. Das Thema Klimaschutz und Landwirtschaft ist bei den elf Reimen unterbelichtet. Dabei hätte sich im Umweltbundesamt doch bestimmt auch ein begnadeter Verseschmied gefunden, um die dazu hier vorliegenden Erkenntnisse in drei Zeilen zu verdichten. Zum Beispiel so: "Tun zu viele Rinder wiederkäuen, kann das Klima sich nicht freuen."

Na ja, einen Lyrikpreis gibt’s wohl nicht dafür. Aber sicher freut sich Hendricks, wenn sich begnadetere Dichter als jener, der sich hier geoutet hat, mit einem Klima-Vers melden. Wäre auch viel billiger als die 1,6 Millionen Euro, die die Kampagne des Ministeriums laut Presseberichten gekostet hat.

Bild"Gibt's nur Mais auf weiter Flur, fehlt vom Hamster jede Spur" – eine der "neuen Bauernregeln" von Barbara Hendricks. (Foto: Schulze von Glaßer)

Der Beitrag wurde am 12. Februar um 10:20 Uhr aktualisiert.

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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