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Mehr Würmer wagen!

Der gute Wille

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So ein Regenwurm hat's auch nicht leicht. Schon gar nicht bei Frost, bei dem die obere Erdschicht einfriert, in der er sich sonst austobt. Während der Wintermonate taucht er ab. Der Wurm verbringt diese Zeit in einer Art Kältestarre, rund 40 bis 80 Zentimeter unter der Oberfläche. Immerhin: Dort unten hat er's gut, denn der Mensch mit seinen fiesen Aktivitäten kommt nicht an ihn ran.

Wie arg der angeblich vernunftbegabte Homo sapiens dem Wurm im Rest des Jahres zusetzt, hat jetzt die Umweltstiftung WWF dargelegt. Vor allem die konventionelle Landwirtschaft macht ihm danach das Leben schwer. "Auf Mais-Monokulturen hin ausgerichtete Fruchtfolgen hungern die Regenwürmer förmlich aus, Gülle-Ammoniak verätzt sie, zu viel Bodenbearbeitung zerschneidet sie, und Glyphosat vermindert ihre Fortpflanzung", schreiben die Naturschützer.

Die Folge ist: Die Zahl der Würmer in den Ackerböden sinkt deutlich. Bei eintöniger Fruchtfolge und starkem Einsatz von Agrarchemie und Maschinen liegt sie laut dem WWF-Report bei unter 30 Exemplaren pro Quadratmeter. Der Durchschnitt in weniger intensiv bearbeiteten Feldern hingegen beträgt rund 120 Würmer, und auf wenig gepflügten, biologisch bewirtschafteten Äckern können sogar über 450 gezählt werden.

Die Frage ist natürlich, ob uns der Wurmschwund wurmen muss. Muss er. Denn der Regenwurm, von dem es in Deutschland 46 Arten gibt, kann es in punkto Liebreiz zwar nicht mit einem Panda aufnehmen. Doch ökologisch wichtig ist er allemal. Regenwürmer leisten einen wichtigen Beitrag für die Erhaltung der Bodenfruchtbarkeit, für Erosionsschutz und zur Vorbeugung gegen Hochwasser – gerade in Zeiten des Klimawandels sehr wichtige Funktionen. Ein Boden mit sehr vielen Regenwürmern kann laut WWF bis zu 150 Liter Wasser pro Stunde und Quadratmeter aufnehmen, so viel, wie bei sehr starken Regenfällen an einem Tag fällt. Ein Regenwurm-armer Acker dagegen wirkt wie ein verstopftes Sieb: Er läuft über. Die Gefahr von Hochwassern steigt.

Doch auch die Landwirtschaft selbst leidet unter den Folgen der Regenwurm-Verödung. Die Böden werden mangels der unterirdischen Graberei immer kompakter, schlechter durchlüftet und weniger durchlässig für Regenwasser. Wichtig auch: Es wird weniger Humus gebildet. Erntereste, die normalerweise von den Würmern in den Boden eingearbeitet werden, drohen zu verfaulen. "Ohne Regenwürmer ist der Boden lahm. Um trotzdem noch gute Erträge vom Acker zu bekommen, wird mit viel Dünger und Pestiziden von außen nachgeholfen, was wiederum oft den Würmern schadet. Es ist ein Teufelskreis", erläutert die WWF-Landwirtschaftsreferentin Birgit Wilhelm.

Aus dem müsste man irgendwie herauskommen. In der bisherigen Agrarpolitik ist diesbezüglich allerdings der Wurm drin. Um den wäre es, ausnahmsweise, nicht schade, wenn er verschwände.

BildDem Regenwurm geht's an den Kragen – schuld ist der Mensch, dem das Schwinden des sich ringelnden Tiers selbst schadet. (Foto: Portal Jardín/Pixabay)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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