Klimawandel als Chance

Der gute Wille

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Drastische Worte: "Klimawandel ist eine schwere Krankheit, ein medizinischer Notfall" – so der britische Medizinprofessor Hugh Montgomery. Die globale Erwärmung drohe den medizinischen Fortschritt der vergangenen 50 Jahre zunichte zu machen, warnte der Institutschef vom University College London. Doch gleichzeitig liege in dieser Situation auch eine Chance. Ein beherzter Kampf gegen den menschengemachten Treibhauseffekt könne nämlich sehr positive Folgen für die Gesundheit der Menschen haben. Motto: Wo aber Gefahr ist, da wächst das Rettende auch. Oder: könnte zumindest.

Im vorigen Jahr hatte die "Lancet-Kommission", bestehend aus renommierten Ärzten und Politikberatern, eine große Studie zu den medizinischen Folgen des Klimawandels vorgelegt – auch, um kurz vor dem Pariser Klimagipfel auf diesen Aspekt der globalen Erwärmung hinzuweisen. Diese gehe mit Luftverschmutzung, Ausbreitung von infektiösen Krankheiten, Gefahren für die Ernährungssicherheit, einer höheren Zahl von Flüchtlingen und kriegerischen Konflikte einher. Die Kosten, die dadurch entstehen, seien sehr hoch, vom Leid der betroffenen Menschen ganz zu schweigen.

Den Klimawandel beherrschbar zu halten, indem die Erwärmung auf 1,5 bis zwei Grad begrenzt wird, bedeutet also eine Win-win-Situation. Ein Beispiel: Würde die Welt weniger Kohle und Erdöl verbrennen, gäbe es weniger Feinstaub und andere Schadstoffe in der Luft, folglich weniger Atemwegserkrankungen und weniger Herzinfarkte. Für die Europäische Union hat die EU-Kommission den "Gewinn" ausrechnen lassen. Wird die Dekarbonisierung bis 2050 weitgehend erreicht, würde das von da an bis zu 38 Milliarden Euro pro Jahr bringen – und zwar alleine durch die verringerte Zahl von vorzeitigen Todesfällen durch die Luftverschmutzung.

Ein wichtiges, aber unterbelichtetes Thema also. Um der Disziplin "Klimagesundheit" mehr Beachtung zu geben, ist nun, basierend auf der Studie, die internationale Forschungsinitiative "The Lancet Countdown" gegründet worden. Sie bringt 48 führende Experten und 16 Institutionen wie die WHO und die Weltorganisation für Meteorologie zusammen, um die Auswirkungen des Klimawandels auf die öffentliche Gesundheit zu analysieren. Künftig soll ihre Bilanz jährlich der Medizin-Fachzeitschrift The Lancet veröffentlicht werden. Ziel ist, die Öffentlichkeit und die Politiker darüber zu informieren, dass Klimaschutz eben nicht nur etwas kostet, sondern die Menschheit auch gesünder macht. Wie sagte doch Montgomery mit Blick auf die Klimagipfel: "Kein Arzt würde ein jährliches Hin und Her, eine Diskussion über die Ursachen und Folgen einer so schweren Krankheit hinnehmen, ohne durchzugreifen."

BildDoktor Montgomery ist kein Mann der vielen Worte: Der Arzt hätte seinen kranken Patienten schon längst behandelt. (Foto: Darko Stojanovic/Pixabay)

Joachim Wille ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

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