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Rio, Gauck und die "Green Economy"

Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Hartmut Graßl, Meteorologe, der als einer der ersten deutschen Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels warnte. Und Teilnehmer des Erdengipfels in Rio  vor 20 Jahren war. 

GRASSLS WOCHE

Herr Professor, sie waren 1992 Teilnehmer der "Konferenz über Umwelt und Entwicklung" in Rio de Janeiro. Im Rückspiegel betrachtet: Was war das damals eigentlich für eine Konferenz? War das Aufbruch? War das wirklich eine "Sternstunde der Menschheit"?

Hartmut Graßl: Das kann man so sagen. In Rio de Janeiro ist im Juni 1992 zum ersten Mal bei einer Versammlung hoch- und höchstrangiger Vertreter fast aller Regierungen der Welt das Wort Umwelt vor dem Wort Entwicklung genannt worden. Und das, obwohl es im Vorfeld der Konferenz heftige Versuche der Entwicklungsländer gegeben hat, das Wort Umwelt nachrangig zu stellen.

Bei der Konferenz selbst sind zwei zentrale Umweltkonventionen verabschiedet worden: Das Rahmen-Übereinkommen der Vereinten Nationen über Klimaänderungen, meist Klimakonvention genannt, und die Konvention über die biologische Vielfalt.

Gleichzeitig wurde die "Konvention zur Bekämpfung der Wüstenbildung, insbesondere in Afrika" in Auftrag gegeben. Alle drei Konventionen wurden vergleichsweise rasch völkerrechtlich verbindlich und die ersten zwei haben auch entsprechende verschärfte Protokolle bekommen, die dritte kommt nur sehr zäh oder fast nicht voran.

Im Rückblick muss die Konferenz in Rio als der Startpunkt einer wirklich globalen umfassenden Umweltpolitik gesehen werden, auch wenn die Weltmacht USA das Kyoto-Protokoll verlassen hat und die Konvention zur biologischen Vielfalt nie völkerrechtlich binden unterschrieben hat.

Der Erdgipfel in Rio hat weit schwierigere Themen als den Schutz der stratosphärischen Ozonschicht angepackt, für den es ja das erfolgreiche Montrealer Protokoll gibt, das überwiegend eingehalten wird. Die UNCED war mindestens die Konferenz, die den Start der Versuche zu einer nachhaltigen Entwicklung der Spezies Mensch markiert. Ob es eine Sternstunde war muss sich noch zeigen, so schnell kann man Ereignisse als solche nicht werten.

Das Potsdam-Institut für Klimaforschung hat in dieser Woche vor der "Green Economy" gewarnt. Sie würde Erfolge im Klima- und Umweltschutz zu Nichte machen. Verstehen Sie diese Warnung?

Ich kann diese Warnung verstehen. Erstens, weil ich den internationalen wissenschaftlichen Beirat des Projektes geleitet habe, in dem die Aussagen erarbeitet worden sind, dass nämlich die Frage der Gerechtigkeit bei der Klimapolitik eine zentralere Rolle spielen sollte und sich dabei auch die Religionen zu engagieren haben.

Zweitens, weil das Schlagwort "Green Economy" im Vorfeld der Konferenz Rio + 20 vorgaukelt, dass es beim Übergang zu einer effizienteren Energie- und Ressourcennutzung nur Gewinner geben könne. Die mit zu den mächtigsten gehörenden Besitzer fossiler Brennstoffe würden in einer Welt mit überwiegender Nutzung erneuerbaren Energien massive Wertverluste hinnehmen müssen, sie wären Verlierer.

Das wird ein Machtkampf, den wir ja auf dem Felde der Stromversorgung im eigenen Land schon zur Genüge kennen. Und dieser Machtkampf wird nur mit einer wachen Zivilgesellschaft und den auf sie reagierenden Politikern gewonnen werden können. Vattenfall klagt gegen die Bundesregierung wegen Teilenteignung bei Stopp ihrer Atomkraftwerke. Drittens, haben die hohen Preise für Gas und Öl in den vergangenen Jahren weltweit gemittelt zu keiner Dekarbonisierung der Energieversorgung geführt, ja sie sogar erhöht, weil die Kohle eine Renaissance erlebt. Die Insel Deutschland trübt uns manchmal die Wahrnehmung der globalen Realität.

Und was war für Sie die Überraschung der Woche?

Bei der Ansprache des von mir hochgeschätzten Bundespräsidenten zu den Umwelttagen im Park um seinen Dienstsitz hat mich eine seiner Bemerkungen etwas geärgert.

Mit der Bemerkung die erneuerbaren Energien nicht zu stark zu fördern blies er ungewollt in das Horn der Gegner der Energiewende. Ohne das Bürgerengagement bei der Finanzierung der Anlagen für erneuerbare Energienutzung und ohne die Stützung dieser Energien durch alle Regierungen seit 1990 hätten wir die Energiewende nicht bekommen. Nur die Blüte der Fotovoltaik und der Windenergienutzung an Land hat für den aus Machtkalkül von den Oligopolen vernachlässigten Netzausbau jetzt scheinbar großen Handlungsbedarf erzeugt.

Hätten wir ehrliche Energiepreise (nach Integration der Umweltkosten) wäre schon heute Windstrom billiger als Kohlestrom (das hätte er sagen sollen). Auch hier ist die Politik gefordert, die Energiekosten für eine Grundversorgung pro Person erschwinglich zu halten, also Sozialpolitik wie auf vielen anderen Feldern auch zu betreiben und den starken Verbraucher ohne eigene Produktion den wahren Strompreis zahlen zu lassen.

Fragen: reni


Zuletzt erschienen in dieser Serie:

Fahrplan: Rio läuft die Zeit davon - aus Bangkok Christian Mihatsch
Waldgesetz: Brasiliens Tricksereien - aus Porto Alegre Gerhard Dilger
Reise-Absage: Merkel verärgert Brasilien - aus Frankfurt Joachim Wille
Wissenschaft: Gefährliche 'Green Economy' - aus Potsdam Eva Mahnke
Rückblick: Die Sternstunde der Menschheit - aus Berlin Nick Reimer
Herausgeber: Gauck und die "Economy"
- aus Hamburg Hartut Graßl

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