Schwerpunkte

G20 | Trump | Effizienz

Gigantische Überkapazitäten mit Folgen

Reimers kleine Zahlenkunde

nick3

Anfang Februar war bei der Bundesnetzagentur ein Kraftwerkspark mit 187.000 Megawatt Leistung angemeldet: Anlagen mit 82.000 Megawatt produzieren in Deutschland ihren Strom aus Sonne, Wind, Wasser oder Biomasse; Anlagen mit 104.000 Megawatt basieren aus fossilen Rohstoffen. Gebraucht werden aber nicht einmal halb so viele Kraftwerke: Die Spitzenlast beträgt im Winter allenfalls 85.000 Megawatt, im Sommer reicht es oft, wenn Kraftwerke mit maximal 45.000 Megawatt Leistung Strom produzieren. Die Folge: Es gibt eine gigantische Überkapazität an fossilen Kraftwerken in diesem Land.

Trotzdem wird weiter in den Kraftwerkspark investiert. Auf der Nordsee wird der Trianel-Windpark Borkum ans Netz gehen, Vattenfall versucht nicht nur sein Kohlekraftwerk Moorburg endlich flott zu bekommen, sondern auch den Windpark Dan Tysk. Eon will in Datteln 1.050 Megawatt elektrische Nettoleistung fertig bauen. Der Düsseldorfer Ökostromstammtisch kommt am 8. Juli das nächste Mal zusammen, um über die neue Bürgersolaranlage zu beraten. Um nur einige Beispiele zu nennen.

Das bedeutet: Die gigantische Überkapazität wird noch gigantischer. Mit dramatischen Folgen an den Strombörsen. Binnen vier Jahren ist der Strompreis um zehn Prozent gefallen. Trotz der Stilllegung von acht Atomkraftwerken hat sich seit der Fukushima-Katastrophe der Strompreis fast halbiert. Ein Grund ist die Sonnenkraft: Seit Fukushima wurden in Deutschland mehr als 19.000 Megawatt Sonnenkraftwerksleistung installiert, insgesamt sind damit jetzt 36.300 solare Megawatt am Netz. Spitzenlast im Sommer gibt es mittags praktisch gar nicht mehr: Wenn die Fabriken laufen, die Büros ausgelastet sind und dann auch noch die Großküchen angeschmissen werden, ist der Stromverbrauch hierzulande am größten. Dann aber scheint immer irgendwo die Sonne.

Um Planungssicherheit zu bekommen, verkaufen viele Stromkonzerne heute schon den Strom, den sie erst 2016 produzieren werden. Diese Termingeschäfte werden zu den heutigen Konditionen für eine spätere Lieferung abgeschlossen. Daraus lässt sich viel ablesen: 2012 bekamen die Konzerne für eine Megawattstunde, die sie heute – im Jahr 2014 – produzieren, noch 40 Euro. Heute bekommen sie aber für die Megawattstunde, die sie 2016 produzieren werden, nur noch 36 Euro. Die Börsenpreise fallen immer weiter, das Fossilgeschäft wird immer weniger einträglich.

Die Fossilkonzerne wollen deshalb etliche Anlagen stillegen, zuletzt musste EnBW eingestehen, dass das Geschäft mit Kohle et cetera viel schlechter läuft als ursprünglich angenommen. Bei der Bundesnetzagentur sind Kraftwerke mit 12.000 Megawatt angemeldet, die RWE, Eon und Co. gern bis 2018 dauerhaft abschalten wollen. Kann ja sein, dass Wirtschaftsminister Sigmar Gabriel (SPD) mit dem neuen EEG das Investitionsklima für die Erneuerbaren deutlich verschlechtern will. Die Fossilen wird das aber auch nicht mehr retten!

Bild
Nebeneinander ist nicht mehr: Die Erneuerbaren bedrängen die Fossilen viel mehr, als die Fossilkonzerne je gedacht haben. (Foto: Paul Langrock)

Nick Reimer ist Chefredakteur des Online-Magazins klimaretter.info

Zur Kolumnen-Übersicht

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen