Schwerpunkte

G20 | Trump | Wahl

Tanztee auf der Titanic

HACKS PINSELSTRICH

Bild"Ignore Documenta 14", Malerei auf Zeltplane, 347 × 285 cm, 2017. (Arbeit: Hermann Josef Hack)

Man muss nicht so geschmacklos sein wie der deutsche Malerfürst Georg Baselitz, der die Documenta mit den Paralympics gleichsetzt. Was der Malermultimillionär an der alle fünf Jahre weitestgehend auf Staatskosten in Kassel ausgerichteten Kunstschau kritisiert, ist wohl der Anspruch eines weltweit beachteten Überblicks über den Stand der Kunst, die längst die klassischen Kategorien hinter sich gelassen hat.

Insofern wäre gerade hier ein guter Ort, die drängenden zeitgenössischen Herausforderungen mit Lösungsansätzen, wie sie Kunst und Kultur schon immer durch ihre Vordenker und Vorahner hervorgebracht haben, zusammenzubringen.

Stattdessen bemühen sich die Kuratoren, immer wieder zu betonen, dass die Kunst keine Lösungen hat und die Künstler/innen lediglich den Status quo abbilden können. Diese Kuratoren lassen lieber sich selbst dafür feiern, ein buntes Potpourri aus hilflosen Positionen zusammenzukomponieren, und gefallen sich immer mehr in der Rolle des eigentlichen Kreativen. Sie sind die Stars der Kunst.

So auch der Erfolg versprechende junge Kunstvermittler Adam Szymczyk, den man bereits 2013 zum Direktor der Documenta 14 erkoren hatte.

Schon damals, als seine Berufung für die weltgrößte – wenn auch nach wie vor von westlichem Kunstgeschmack = Wirtschaftskraft dominierte – Kunstschau für die Dauer von über hundert Tagen bekannt wurde, habe ich ihm daher in einem Offenen Brief vorgeschlagen, konsequenterweise die kommende Documenta zu canceln und die Pause zu nutzen, sich Gedanken um einen Zugang zu den wirklich wichtigen Problemen, besonders der existenziell bedrohlichen Klimakatastrophe, zu machen. Ich persönlich glaube an die visionäre und Gemeinschaft stiftende Kraft der Kunst, die sich dieser Herausforderung nicht verweigern darf.

Wie zu erwarten, hat er sich meiner provokanten Herausforderung nicht gestellt, ich erhielt keine Reaktion.

Erstmals in der 70-jährigen Geschichte der Documenta hat Szymczyk neben dem traditionellen Austragungsort Kassel einen zweiten Standort, Athen, zufällig Heimat seiner Liebschaft, wie böse Zungen behaupten, ausgewählt und damit Kosten und Aufwand, aber auch die Erwartungen verdoppelt.

Als Brennpunkt der vielen Krisen in Europa bietet die griechische Hauptstadt einen spannenden Ort, der die Notwendigkeit für Visionen und Ideen geradezu heraufbeschwört.

Und nun? Außer ein paar üblicher Malerstars, die weder neue Positionen hervorbringen noch alte infrage stellen (Stanley Whitney), erlebt der Besucher einen Parcours eher kunsthandwerklich geprägter Arbeiten, wie man sie aus dem Umfeld völkerkundlicher Museen gewohnt ist. So erfahren wir etwas über die Herstellung von Indigo-gefärbter Baumwolle in Afrika (Aboubakar Fofana) – ohne allerdings eine Vision, wie sich die von Monsanto, Bayer, Nestlé und Co ausgehende Bedrohung dieser Region abwenden ließe.

Die Akropolis in Originalgröße mit verboteten Büchern auffüllen zu lassen, mag den Documenta-Touristen einen dankbaren Hintergrund für ihre Selfies bescheren. Die platte Darstellung relativiert in meinen Augen, was wir in den letzten Monaten in der Türkei und in Polen mit der grausamen Einschränkung der Presse- und Meinungsfreiheit erleben, nach der Devise: Überall gab und gibt es halt verbotene Bücher – schön, dass man sie nicht verbrennt, sondern damit solch imposante Bauwerke basteln kann.

Inzwischen ist auch die etablierte Kunstkritik zu ihrem Urteil gekommen: Diese Documenta ist ein Flop. Sie bleibt hinter den geweckten Erwartungen weit zurück. Einziger, schwacher Trost: Mit diesem Documenta-Label wird sich – anders als bei allen anderen zuvor – keine Aufwertung der ausgestellten Arbeiten oder Künster/innen auf dem Kunstmarkt erzielen lassen, was nach Behauptung des Documenta-Direktors intendiert war. Ob das allein reicht, sich um die Kunst verdient gemacht zu haben?

Während also die Titanic mit voller Kraft Kurs auf den bereits gesichteten Eisberg nimmt, begnügt sich die Documenta mit Kapitän Szymczyk damit, die Passagiere zum Tanztee zu bitten.

hack-groesserHermann Josef Hack ist Maler und Aktionskünstler

Zurück zur Kolumnen-Übersicht.

 

 

[Erklärung]  
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen