Arktischer Fluch

Götzes Öko-Logik

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Verregnet, kühl, grau – dieser Sommer will einfach nicht in Schwung kommen. Darüber beklagen sich nicht nur frustrierte Urlauber, sondern auch Deutschlands Obstbauern. Dem einen hat es die Kirschernte verhagelt, die anderen pflücken enttäuscht ihre reifen Mini-Erdbeeren, manchen Bauern hat es das Feld gleich komplett überschwemmt. Auch Klimaforscher tragen derzeit nicht dazu bei, den Menschen Hoffnung zu machen.

Der durchwachsene Sommer könnte ein Vorgeschmack auf das sein, was die nördliche Hemisphäre in den nächsten Jahrzehnten erwartet, verkündeten nordamerikanische Forscher in dieser Woche. Grund ist die Arktis, wo Messstationen seit Monaten einen Hitzerekord nach dem anderen vermelden. Das Schmelzen des Meereises habe sich auch im Juni überdurchschnittlich beschleunigt, zeigen die Daten des US-Datenzentrums für Schnee und Eis NSIDC. Schon im letzten Winter herrschten am Nordpol teilweise wärmere Temperaturen als in Berlin – ein meteorologisches Phänomen.

Und weil es in der Arktis zu warm ist, könnte es in Nordamerika oder auch Nordeuropa bald empfindlich kühler werden, schließt ein Forscherteam aus Südkorea, China und den USA in der Zeitschrift Nature Geoscience. Auf wärmere Frühlingstemperaturen im Arktischen Ozean folgen nämlich überdurchschnittlich kühle Sommer in Nordamerika, zeigen die Forscher in der Studie. Die Kälte wiederum ist ein Fluch für die Bauern, weil Pflanzen langsamer wachsen und Ernten zurückgehen können.

Auch im Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung glaubt man, das ein Abschmelzen des Eises in der Barents- und Karasee den arktischen Polarwirbel beeinflussen kann und damit das Risiko für Kälteextreme in Teilen Europas und Asiens erhöht.

Dass es nicht ohne Folgen bleibt, wenn Millionen Quadratkilometer Eis schmelzen, liegt auf der Hand. Und dass Klimawandel nicht nur karibische Verhältnisse an der Ostsee bedeutet, ebenfalls. Die gängige Logik "Klimawandel = wärmeres Wetter" war zwar schon immer schief, doch nun kehrt sie sich für einige Regionen sogar um. Ob sich der Traum vom Weinanbau in Mecklenburg-Vorpommern damit erledigt hat oder sich die Polarwirbel doch noch zu unseren Gunsten drehen, bleibt abzuwarten.

Die traurige Wahrheit ist, dass selbst ein Umzug ans Mittelmeer wenig nützt. Dort kämpfen die Menschen schon heute gegen Trockenheit, Wassermangel und – wie derzeit in Italien – gegen Waldbrände. Ungemütlich wird es also allemal.

BildEine Wetterstation stürzt in die Karasee: Die Arktis wird immer wärmer – das kann weiter südlich für kühle Sommer sorgen. (Foto: Iwan Misin/​WWF Russland)

Susanne Götze ist stellvertretende Chefredakteurin des Online-Magazins klimaretter.info

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