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Aufstand gegen die Bling-Bling-Welt

Götzes Öko-Logik

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Keine Frage: Trump, Erdoğan, Putin sind nicht nur autoritär, sondern auch keine sozialen oder ökologischen Koryphäen. Nicht ohne Grund brachte das zehntausende Bürger aus ganz Europa dazu, sich in Reisebussen nach Hamburg zu begeben, um gegen die verhassten Politiker zu demonstrieren. Doch die Gier nach Luxus eines Trump oder der Appetit eines Putin auf fossile Ressourcen sind keine Ausnahme, sie sind die Regel. Auch wenn viele Deutsche über den US-Präsidenten die Nase rümpfen, ziehen sie doch mit ihm an einem Strang. Das meinen jedenfalls 17 junge Forscher aus Göttingen, die pünktlich zum G20-Gipfel eine Fundamentalkritik westlicher Wohlstandsgesellschaften veröffentlichten.

Der Band "Auf Kosten anderer" unterstellt jedem von uns eine "imperiale Lebensweise". Unsere Gewohnheiten und Ziele à la Eigenheim, SUV, Südseeurlaub unterziehen sie einer vernichtenden Kritik. "Imperial" ist diese Lebensweise deshalb, weil die Gier nach Konsum und Statussymbolen westlichen Wohlstandes sich ausbreitet wie ein Flächenbrand.

Und das in Zeiten, in denen zugleich das Umweltbewusstsein nie gekannte Spitzenwerte erreicht: Denn obwohl laut Bundesumweltministerium mittlerweile drei von vier Deutschen finden, dass unsere Wirtschafts- und Lebensweise radikal erneuert werden muss, steigen gleichzeitig die Absatzzahlen für SUVs, die Fleischproduktion erreicht Rekorde und es wird geflogen wie nie. Ein Paradoxon mit System, glauben die jungen Forscher.

Doch sie zeigen ebenso mit dem Finger auf sich selbst und ihresgleichen: Auch die Demonstranten in Hamburg sind den Zwängen der ausbeuterischen Lebensweise ausgeliefert. Der Reisebus fährt mit Kraftstoff, der das Klima belastet, und die Outdoorkleidung wird in Bangladesch hergestellt. Und selbst wenn die jungen Ökos und Linken vieles anders machen wollen, machen sie es im Grunde nicht besser, so die radikale Bilanz der Autoren. Eine andere Lebensweise lasse sich nicht mit Fairtrade-Produkten oder CO2-Kompensation kaufen.

Mit dem Leben auf Kosten Dritter hat sich auch der Münchner Soziologe Stephan Lessenich in seinem Buch "Neben uns die Sintflut" beschäftigt, das vor wenigen Monaten erschien. Auch dieses Werk endet mit der niederschmetternden Bilanz, dass wir auf dem Rücken der restlichen Welt unserem sogenannten Wohlstand frönen.

Während die Göttinger Studenten noch an ihren alternativen Lebensentwürfen tüfteln und die G20-Gegner in Hamburg lauthals gegen die Bling-Bling-Welt der Trumps, Putins und Erdoğans demonstrieren, hat der Münchner Lessenich in Bayern nun eine neue Partei mitgegründet. In der Partei "mut" will er sich zusammen mit der Ex-Grünen Claudia Stamm für soziale Gerechtigkeit und ökologische Transformation engagieren.

BildEins der Symbole westlicher Lebensweise: Der Einkaufswagen zwischen Regalen voller ähnlicher Massen-Produkte, die sich oftmals nur durch die Werbung unterscheiden. In so einer Konsumwelt kann man sich leicht verlieren. (Foto: Caden Crawford/​Flickr)

Susanne Götze ist stellvertretende Chefredakteurin des Online-Magazins klimaretter.info

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