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Meister der Selbsttäuschung

Etscheits Alltagsstress

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Mythen sind Erzählungen, sagenhafte Geschichten, die einen "Anspruch auf Geltung der von ihnen behaupteten Wahrheit" erheben. So ist es etwas gestelzt bei Wikipedia zu lesen. Trifft auch auf den derzeit wichtigsten Mythos der Deutschen zu. Der Tod "ein Meister aus Deutschland"? Paul Celans mehrfach wiederkehrender Vers aus seiner "Todesfuge" gilt nicht mehr. Heute sind wir geläutert, heute sind wir Ökoweltmeister.

Das kurzfristige Revival von Jürgen Trittin ist ein schöner Anlass, den Wahrheitsgehalt dieser Erzählung zu testen, die, siehe oben, Anspruch auf Geltung erhebt. Trittin hatte als Umweltminister einst das "Dosenpfand" für ökologisch weniger vorteilhafte Getränkeverpackungen erfunden und zog jetzt im Hintergrund die Fäden bei den gescheiterten Jamaika-Verhandlungen.

Vielleicht kommt ja doch noch eine schwarz-grüne Minderheitsregierung und Trittin, den Jan Fleischhauer auf Spiegel Online gerade zum "Prätorianer der Kanzlerin" kürte, wird doch noch Minister – nichts ist unmöglich.

Ein Mehrwegminister sozusagen. Aber er ist nicht der einzige, der immer wieder mit neuem Inhalt gefüllt werden kann. Das tolle Mehrwegsystem ist jedenfalls so eine Errungenschaft, die die Deutschen gerne ins Feld führen, wenn sie ihre ökologische Überlegenheit über andere Völker unter Beweis stellen wollen, ihre Ökoweltmeisterschaft.

Leider befindet sich die Mehrwegquote seit Jahren im freien Fall. 2005 hatte sich die Bundesregierung 80 Prozent zum Ziel gesetzt, derzeit liegt sie bei etwa 46 Prozent, Tendenz weiter sinkend.

Aber die meisten Leute, die im Supermarkt brav die Plastikeinwegflaschen und Aludosen in den regelmäßig streikenden Pfandautomaten schieben, denken sicher, dass das gut ist für die Umwelt. Schließlich sind wir Deutschen ja – Ökoweltmeister!

Bleiben wir im Supermarkt, wo die Allgegenwart von Bioprodukten nicht darüber hinwegtäuschen kann, dass der Anteil von Biolebensmitteln am Gesamtmarkt auch nach Jahren mit zweistelligen Zuwachsraten noch nicht über fünf Prozent hinauskommt. Also 95 Prozent der Produkte im Supermarkt sind nicht bio.

Bei Fleisch sieht es noch mieser aus. "Rotfleisch" kommt auf 1,8 Prozent bio, Geflügel auf 1,4 Prozent, Fleisch- und Wurstwaren sogar nur auf 1,2 Prozent. Das verschwindet dann schon im statistischen Hintergrundrauschen. Aber wenn man sich auf dem Biomarkt zweimal im Jahr ein ökologisch korrektes Zweinutzungshuhn für 50 Euro leistet oder in den Bio-Burger beißt, liegt der Bioanteil gefühlt bei 80 Prozent, mindestens.

Auf der Weltkarte ist Deutschland ein Stecknadelkopf. Trotzdem versorgt unser einstmals schönes Land die halbe Welt mit Fleisch und Milchprodukten. Das ist natürlich, dank Millionen Tonnen von importiertem Gensoja und Genmais – heimisch produzierter Mais von den Agrarsteppen unserer Ökorepublik landet sinnigerweise im Biogasreaktor – wahnsinnig nachhaltig und entspricht einmal mehr dem sorgsam gepflegten Selbstbild des Ökoweltmeisters.

"In Deutschland wird mehr geschlachtet als je zuvor", titelte im Februar 2016 die Süddeutsche Zeitung. Dank weltweit steigender Nachfrage wird produziert und exportiert, dass die Schwarte kracht. Mit absehbaren Folgen – siehe Insektensterben – für die Artenvielfalt.

Doch der durchschnittlich Ökodeutsche mag bei Veganern oder Clean Eating wohl denken, dass endlich, endlich der Trend zu immer mehr Fleisch gebrochen ist. Und bei uns liegt der Pro-Kopf-Verbrauch ja "nur" bei 42 Kilogramm pro Jahr. Schließlich sind wir …

Weltmeister oder wenigstens gute Zweite nach dem Aufsteiger China sind die Deutschen auch auf einem anderen Gebiet, das mit Ökologie gemeinhin wenig zu tun hat, dem Reisen. Kein Wunder, dass der Flugverkehr nur eine Richtung kennt: steil nach oben. 2014 hoben im Land der Ökoweltmeister rund 105 Millionen Passagiere ab, 2030 könnten es schon 175 Millionen sein.

Dafür planiert man gerne noch die eine oder andere neue Start- und Landebahn in die Restnatur, wo der Flächenverbrauch gerade mal stabil bei schlappen 30 Hektar pro Tag liegt. Die rücksichtslose Industrialisierung mehr oder weniger aller noch halbwegs naturnahen Kulturlandschaften durch Windräder und Solarkraftwerke noch gar nicht mit eingerechnet. Aber als Ökoweltmeister muss man bereit sein, Opfer zu bringen.

Dass trotz der fulminant ökoweltmeisterlichen Energiewende der CO2-Ausstoß Deutschlands nicht zurückgeht, liegt auch daran, dass es immer mehr Autos gibt. Allen dunkelgrün eingefärbten Wohlfühl-Berichten zum Trotz, wonach das Auto zumindest in den Städten als Statussymbol ausgedient habe und Carsharing und Radfahren die Mobilitätsmodelle der Zukunft seien. In der schnittigen A-Klasse von Car2go oder einem der topaktuellen BMWs von Drivenow lässt sich eben schön träumen.

Oder auf dem nagelneuen, supertrendigen E-Bike, wo es vorher der Drahtesel ohne Elektromotor und Batterie auch getan hat. Ach ja, die Elektromobilität. Das wird der nächste grüne Schlager: We are the champions!

Besonders ökoweltmeisterlich geht es bekanntlich an den Recyclingcontainern zu, wo die Deutschen ihrem liebsten Hobby frönen, der Mülltrennung. Mach ich natürlich auch, obwohl ich weiß, dass zwar 90 Prozent aller Plastikabfälle brav eingesammelt werden, aber 45 Prozent doch in der Müllverbrennung landen.

Immerhin entsteht daraus dann Ökoenergie. Fühlt sich auf jeden Fall prima an, wenn man zu Hause beim Andechser Biojogurt den Pappmantel vom Plastikbecher schält, damit die beiden Komponenten dann zusammen thermisch verwertet werden können.

Ohne Scheiß: Wirklich gut sind wir als Volk der Ingenieure in Sachen Umwelttechnik, weswegen die Flüsse im Vergleich zu früheren Zeiten (Schaumkrönchen auf dem Rhein, man erinnert sich!) sehr viel sauberer geworden sind. Und die Luft auch, zumindest, wenn man von den lästigen Klimagasen absieht. Ansonsten sind die Deutschen in Sachen Ökologie vor allem eins: Meister der Selbsttäuschung und nationalen Überheblichkeit.

BildDreimal deutsche Leidenschaft. (Foto: x1Klima/Flickr)

Der Autor und Journalist Georg Etscheit aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Naturschutz

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