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Ökostrom Spätlese

Etscheits Alltagsstress

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Als vor zwei Jahren der Augsburger Versorger Max Energy den deutschlandweit ersten reinen Atomstromtarif für nimmermüde Freunde nuklearer Energieerzeugung anbot, waren zumindest die Journalisten ganz aus dem Häuschen. Von Deutschlandfunk bis Spiegel Online berichteten alle Medien von dem neckischen Angebot, das wohl vor allem dazu diente, das Unternehmen aus Bayerisch-Schwaben ein bisschen bekannter zu machen.

Das Angebot, so damals Jan Pflug, Pressesprecher des Unternehmens, richte sich "ganz klar an Menschen, die ökologisch orientiert sind und einen Beitrag leisten wollen zum Klimaschutz". Herr Pflug war übrigens Mitglied der Grünen. Ob die Partei danach ein Parteiausschlussverfahren gegen Pflug angestrengt hat wegen öffentlich bekundeter Atomfreundlichkeit, ist nicht bekannt.

Schwer nachprüfen lässt sich im Nachhinein, ob schon in der ersten Woche 3.000 Kunden von dem strahlenden Angebot überzeugt werden konnten, wie Medien kolportierten. Mittlerweile wurde der Tarif eingestellt. Das Unternehmen spricht auf Anfrage von einer "strategischen Neuausrichtung". Heute setze Max Energy bei Strom auf 100 Prozent "emissionsarme und umweltfreundliche Wasserkraft". Vielleicht war der PR-Schuss nach hinten losgegangen und es hatten mehr atomskeptische Kunden Max Energy den Rücken gekehrt, als neue/alte Atomfans angelockt werden konnten.

Die Vermarktungsstrategie war nicht ganz durchdacht

Vielleicht war aber einfach die Vermarktungsstrategie nicht ganz durchdacht. Vielleicht hätte man die Atom-Chose nur anders bewerben müssen. Als vegan vielleicht, damit liegt man heute megamäßig im Trend. Atomkraftwerke töten keine Vögel oder Fische wie etwa Wind- und Wasserkraftwerke, zumindest im Normalbetrieb. Sie werden auch nicht mit Gülle aus Massentierhaltung gedüngt, wie viele Maisfelder der Biogasanlagen. Und sie stehen auch nicht, wie manche Solarkraftwerke, "auf den Dächern von großen Betrieben aus Industrie und Massentierhaltung".

Mit diesen Argumenten wirbt jedenfalls der Bonner Stromhändler Enermy, gegründet von dem früheren RWE-Manager Jesco von Kistowski, für "veganen Strom aus Geothermie". Enermy hat noch weitere verlockende Stromangebote im Portfolio, sozusagen Strommischungen à la carte und für (fast) jeden Geschmack. Etwa einen garantiert Windkraft-freien Tarif, zu hundert Prozent aus Schweizer Wasserkraft oder einen feministisch angehauchten Tarif namens "Frauenpower", der angeblich Strom aus Unternehmen mit Frauen in Führungspositionen bezieht. Nach dem Vorbild von Max Energy hat Enermy auch einen Atomtarif in petto, aus den Schweizer Atomkraftwerken Gösgen und Leibstadt. Die Eidgenossenschaft bürgt bekannterweise für Qualität.

"Frauenpower" bezieht seine Strom-Herkunftsnachweise laut Enermy-Homepage ebenfalls von "Schweizer Unternehmen, wie z.B. der Alpiq AG mit Frau Jasmin Staiblin an der Spitze oder der BKW AG mit Frau Suzanne Thoma". Der Schweizer Energiekonzern Alpiq hält Beteiligungen an Gösgen und Leibstadt. BKW ist zumindest bei Leibstadt mit von der Partie.

Sendungsbewusst – und/oder ausgeprägt satirefähig

Nicht übersehen sollte man bei Enermy auch den Tarif "Liberland". Dabei handelt es sich um einen ominösen, international nicht anerkannten "Mikrostaat", den der radikalliberale Tscheche Vít Jedlička 2015 auf einer sieben Quadratkilometer großen Fläche im Niemandsland zwischen Kroatien und Serbien ausrief und als Steueroase etablieren will. Bei Herrn von Kistowski handelt es sich also ganz augenscheinlich um einen Unternehmer mit Sendungsbewusstsein und/oder ausgeprägter Satirefähigkeit.

Woher der Wind eigentlich weht, verrät der Stromtarif "Staatsfrei", über den der geneigte Kunde Strom beziehen kann, der zu 100 Prozent aus "Kraftwerken in Privatbesitz" stammen soll. Damit unterstützt man dann den Lichtschlag-Verlag, der das Magazin Eigentümlich frei herausgibt, eine nach dem Urteil eines Autors der Süddeutschen Zeitung, zitiert nach Wikipedia, "brachialliberale" Publikation, die man getrost der neurechten Szene zuordnen kann, Klimaskepsis inklusive. Energieträger des staatsfreien Tarifs laut Enermy-Homepage: 100 Prozent Müll. Kommentar überflüssig.

Veganer Strom "ohne Förderung von Monokulturen"

Ja, die Liberalisierung des Strommarktes treibt zuweilen eigentümliche Blüten. Zumindest für Veganer gibt es glücklicherweise eine unverfängliche Alternative: "Vegawatt", promotet von dem Veggie-Guru Björn Moschinski. Strom kommt bei Vegawatt, einem innovativen Produkt der Technischen Werke Ludwigshafen, zu hundert Prozent aus europäischen Photovoltaik-Anlagen: "umweltfreundlich, nachhaltig und frei von Vogelschlag sowie Fischverlusten". Vegawatt Gas wird aus Zuckerrübenschnitzeln produziert: "klimafreundlich, nachhaltig, ohne Förderung von Monokulturen und absolut frei von tierischen Rohstoffen". Toll!

Wenn man mal von dem ominösen Herrn von Kistowski absieht, ist die Idee von Strom für jeden Gusto und jede Haltung ausbaufähig. Vielleicht könnte man, analog zum Wein, Lagenstrom anbieten oder Jahrgangsstrom. Dafür bräuchte man nur eine Toplage wie die "Wehlener Sonnenuhr" an der Mosel zu roden und mit Solarpaneelen zu bestücken. Auch die bekannte Lage Eltviller Sonnenberg im Rheingauer Rieslingparadies schreit geradezu nach einem Stromtarif. Leider ist die Speichertechnik noch nicht so weit entwickelt, dass man Jahrhundertjahrgänge wie die 2003er Wehlener Sonnenuhr Ökostrom Spätlese langfristig lagern kann.

BildStromtarife so vielfältig wie Weinsorten. Da muss man schon ein Kenner sein, um das Angebot zu erfassen. (Foto: Paul Steuber/​Pixabay)

Der Autor und Journalist Georg Etscheit aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Naturschutz

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