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Die gelbe Gefahr

Etscheits Alltagsstress

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Wir waren den ganzen August über nicht in München. Als wir Anfang September zurückfuhren, kam uns die Stadt verändert vor. Ein Erdbeben? Nein, zu Hause war alles an seinem Platz, alle Tassen noch im Schrank. Dabei hat es in Poing östlich von München gerade zum dritten Mal hintereinander gerumst. Magnitude 2,4, immerhin. Es wird spekuliert, dass ein Geothermie-Heizkraftwerk schuld ist. Hoffentlich nicht, schließlich planen die Münchner Stadtwerke die wärmemäßige Vollversorgung der Stadt mittels Geothermie. Wenn dann die Kuppeln des Liebfrauendoms runterfielen, nicht auszudenken.

Einen Wirbelsturm wie in Texas, Florida oder in Ostbayern hatte es im Raum München auch nicht gegeben, darüber hätten sie im Fernsehen berichtet, mit Puschelmikrofon live von der Wetterfront. Was war es dann, das uns so ein fremdartiges Gefühl bereitete?

Des Rätsels Lösung kommt aus Singapur und nennt sich Obike. Quasi über Nacht, so war in Münchner Lokalzeitungen zu lesen, hatte das fernöstliche Radlsharing-Unternehmen die Stadt mit ihren gelben Zweirädern made in China geflutet. An allen größeren Plätzen, auch außerhalb des Mittleren Rings, kann man seither ganze Pulks von Mieträdern, nun ja, bestaunen. Sogar am Chinesischen Turm im Englischen Garten, der ohnehin von diversen Radltouristikfirmen als Dauerparkplatz genutzt wird.

So schnell kann das gehen in Zeiten der Globalisierung. Vor ein paar Monaten noch las ich Berichte über chinesische Städte, in denen von einem Tag auf den anderen irgendwelche Vollidioten veritable Berge kunterbunter Mieträder aufgehäuft hatten. Weit weg, dachte ich und schüttelte den Kopf. Pustekuchen.

Jetzt ist der Münchner Radl-Tsunami der Aufreger in Zeitungen und sozialen Medien. CSU-Lokalpolitiker wollen dem bizarren Treiben Einhalt gebieten, schließlich stehen noch andere Unternehmen in den Startlöchern, um am Boom der Mieträder teilzuhaben. Andere wie der grüne Münchner Radlpapst Paul Bickelbacher mahnen dazu, abzuwarten und die schöne, neue Radlsharingwelt nicht gleich wieder per Sondersatzung abzuwürgen.

München, ein Friedhof für Fahrradleichen

Dabei ist München schon jetzt ein einziger Friedhof von Fahrradleichen. Auf jedes funktionstüchtige Zweirad kommen mindestens zwei Schrotträder, die von ihren verantwortungslosen Besitzern im Stich gelassen wurden und Bürgersteige und Plätze zumüllen. Regemäßig rückt die Stadtreinigung an, um die Leichen zu entsorgen. Auf Steuerzahlers Kosten natürlich.

Ich habe mir die Obikes mal genauer angesehen. Sie sehen zugleich modisch und trashig aus. Rahmen und Lenkstange sind klobig, das ganze Gefährt ist ungeheuer schwer, man kann es kaum hochheben, ohne sich den Rücken zu verrenken. Vielleicht will die Firma damit verhindern, dass die Dinger gestohlen werden. Doch wer sollte so etwas haben wollen?

Ausgerechnet die Pedale, die gewöhnlich der höchsten Beanspruchung unterliegen, wirken dagegen recht filigran. Eine Gangschaltung haben die Obikes nicht, was ein schwerer Wettbewerbsnachteil sein dürfte angesichts der Luxusräder, die sich Münchner gerne zulegen, und der vorhandenen Mietangebote von Bahn (Call a bike) und Münchner Verkehrsbetrieben. Letztere haben sogar einen Elektroantrieb.

Weil sich die Münchner so mächtig aufregen über die Flut aus Fernost, hat die Firma einen Krisenmanager beauftragt. Der heißt Marco Piu, nennt sich "Country Manager Germany", sitzt natürlich in den Hackeschen Höfen in Berlin, wo auch andere Hipster ihr Unwesen treiben, und gelobt Besserung. Schuld an dem Imagedesaster soll die britische Logistikfirma Unsworth Global Logistics sein, deren Mitarbeiter die Räder offenbar ohne Ortskenntnis einfach auf die Straßen kippten.

Soll nicht wieder vorkommen ...

Soll nicht wieder vorkommen, sagt Piu. Und die nächste Generation der Obikes solle womöglich eine bessere Ausstattung haben, sagte er den Lokalredakteuren der Süddeutschen Zeitung. O Gott, noch mehr von den Dingern?

Wer die Obikes wie oft nutzt und ob sie von der Firma Live Cycle mit Sitz, juchuh!!!, in der Münchner Isarvorstadt, regelmäßig gewartet werden, wollte Herr Piu nicht sagen. Beruhigend, dass die Räder zumindest nicht kostengünstig in Afrika repariert werden sollen.

Ich wette eine Flasche Ökoschampus darauf, dass Obikes bald massenweise defekt am Straßenrand verrotten, um dann von der Stadt zum Wertstoffhof gekarrt zu werden. Auf Steuerzahlers Kosten. Das nennt man Vergesellschaftung privater Betriebsrisiken und ist, siehe Airbnb, eine Konstante der so wunderbar ökologischen und sozialen Sharing Economy. Und es ist auch ganz ungeheuer ressourcenschonend. Ich frage mich übrigens schon länger, wer die vielen Windräder und Solarpaneele entsorgen wird, wenn sie mal in die Jahre gekommen sind.

BildSo sehen sie aus, die Obikes. Jetzt stehen sie auch in München an vielen Ecken herum. (Foto: Edward Hands/​Wikimedia Commons)

Der Autor und Journalist Georg Etscheit aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Naturschutz

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