Unsbegtaguläres aus Franken

Etscheits Alltagsstress

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Franken besteht nicht nur aus Markus Söder. Franken ist ein schönes Ländchen mit netten, pfiffigen Menschen, einer guten Küche, feinem Wein, malerischen Weilern, die irgendwie alle einmal freie Reichsstädte waren – und einer lustigen Sprache. Pizza & Pasta klingt bei ihnen wie "Bizza & Basta" und der Komiker Erwin Pelzig wie "Belzig". Das fränkische "k" ist ein "g", und ein "r" aus Franken kann man phonetisch nicht wiedergeben. Wer es hören will, muss Söder einschalten oder eben Pelzig-Belzig.

Wenn ich auf der Horrorautobahn A3 durch Franken brause beziehungsweise schleiche, fahre ich immer in Neustadt/Aisch raus und tauche in den Aischgrund ein. Das ist eine stille, flache, unspektakuläre Landschaft mit jeder Menge Karpfenteichen, über denen Störche und Graureiher kreisen. In den Brauereigasthöfen dieser Gegend bekommt man den fränkischen Karpfen dann serviert, blau oder schön knusprig gebraten. Ich esse ihn lieber gebraten, will ich das wabbelige Karpfenfett nicht mag.

Karpfen ist übrigens ein echter Öko. Sogar die Leute von Greenpeace erlauben den Genuss dieses aromatischen Gesellen in ihrem gestrengen Fischführer, weil er sich nur vegetarisch ernährt und nicht auf böses Fischmehl angewiesen ist. Südlich der Autobahn wird der Aischgrund mittlerweile von etlichen Windparks gesäumt, was ihm viel von seiner Anmut nimmt. Nordöstlich, Richtung Forchheim und Fränkischer Schweiz, gibt es noch keine. Hoffentlich bleibt da so.

Ich saß also kürzlich, Mitte August, in einem Brauereigasthof im Aischgrund. Man tafelt dort ungezwungen an langen Tischen im Freien. Karpfen stand noch nicht auf der Karte, weil es Karpfen nur in den Monaten mit "r" gibt, fränkischem "r", versteht sich. Zu mir setzte sich ein älterer Herr, Franke, wie unschwer zu hören war. Er bestellte sich gekochtes Ochsenfleisch in Meerrettichsauce. Die scharfe Wurzel heißt hier, wie in Österreich, Kren. Die sättigende Speise gebe es nur zu Kirchweih, erläuterte er ungefragt. Ich tat es ihm nach. Dazu eine schöne, kühle Halbe im Steingut-Humpen. Auf fränkisch heißt der "Seidla".

Es entspann sich nun eine längere Unterhaltung, in deren Verlauf ich einiges lernen konnte darüber, was Menschen auf dem Land oder was sogenannte normale Menschen beschäftigt. Eigentlich erzählte mir dieser Mann mit seinem geröteten Gesicht, einer dicken Nase, runder Brille und Bauchansatz nichts weniger als seine Lebensgeschichte. Und ich hörte zu, mit echtem Interesse, aber auch einer gewissermaßen anthropologischen respektive ethnologischen Motivation.

Während er mit gesundem Appetit sein Ochsenfleisch verzehrte, erfuhr ich, dass er verheiratet ist und Rentner, dass er einen Sohn hat und eine Frau, die, im Gegensatz zu ihm selbst, morgens nicht aus dem Bett kommt, spät frühstückt und dann keinen Appetit aufs Mittagessen hat, weswegen er dann allein die Gasthöfe der Umgebung frequentiert. Sie seien jetzt schon ein Leben lang zusammen und jeder bleibe bei seinen Gewohnheiten. Dieser Satz klang ein wenig resigniert, wie mir schien. Der Mann hatte sich irgendwo auf dem Dorf ein Häuschen gebaut und er besaß einen Hund. Zuerst einen Schäferhund, jetzt ein kleineres Tier, das nicht so viel rennen muss. Ziemlich normal, das alles.

Ich hörte nur zu

Doch mein Gesprächspartner war krank, sehr krank, was man ihm nicht anmerkte, weder optisch noch stimmungsmäßig. Er schien mir eigentlich ziemlich fränkisch-fröhlich. Zuerst, berichtete er sachlich, habe er einen stillen Herzinfarkt gehabt. Er sei erst nach ein paar Wochen zum Arzt, wo ihn in der Praxis ein zweiter Infarkt ereilte. Der Arzt habe ihm gesagt, wenn er den zu Hause bekommen hätte, wäre er tot gewesen. Ich kaute etwas zögerlich an meinem Ochsenfleisch aus, laut Speisekarte, tiergerechter Haltung, und fühlte heimlich meinen Puls.

Also OP am offenen Herzen, Stents, Bypässe, Reha in Neustadt/Saale. Als er wieder zu Hause war, einigermaßen wiederhergestellt, wurde ein verdächtiges Muttermal entdeckt. Schwarzer Hautkrebs. "Der gefährlichste", betonte mein Gegenüber. Nochmal Operation, bei der weitere Muttermale entfernt wurden. Einmal, er war nachts allein zu Hause, platzte eine Naht, das ganz Bett war voller Blut. Glücklicherweise sei ihm ein Nachbar zu Hilfe geeilt. Nachbarschaftshilfe, die gebe ja noch auf dem Land. Vielleicht sollte man, dachte ich, als Städter manchmal etwas netter zu seinen Nachbarn sein, anstatt sich in splendider Anonymität zu verschanzen.

Jetzt sei er ständig unter medizinischer Beobachtung. Wäre der Tumor einen Millimeter tiefer gewesen, wäre er längst tot. Ich schluckte den letzten Bissen des schmackhaften Knödels hinunter und bestellte vorsichtshalber noch eine Halbe. Ach ja, "Zucker" habe er auch noch, müsse Insulin spritzen. Das Essen lasse er sich aber nicht verleiden. Und dann sagte er noch, dass er immer viel gearbeitet und sich auf die Rente gefreut habe, und jetzt sei er krank. Man solle das Leben nicht auf die Rente verschieben, meinte er ohne Bitterkeit. Denn man könne nie wissen.

Über die Dinge, die mich in der Regel so bewegen, Ökozeugs, Energiewende, Klima, Dieselgate, Trump und so weiter sprachen wir nicht. Ich sagte eigentlich überhaupt nichts, hörte nur zu. Ich kann es natürlich nicht genau sagen, aber ich glaube, er wäre wenig erfreut, wenn er mit seinem Auto nicht mehr in die Großstadt zum Professor Soundso fahren könnte, weil die Kiste die Stickoxidwerte nicht einhält. Mit seinem E-Bike, mit dem er immer den Hund spazieren fährt, wäre das entschieden zu weit.

Ich glaube, die Probleme vieler Menschen in der "Provinz", sind oft sehr, sehr weit entfernt von den Sorgen mancher umweltbewegten Großstädter. Und ich glaube, die Kluft zwischen den Sorgen von "denen" und "uns" sollte nicht allzu groß werden. Sonst wählen "die" eines wenig schönen Tages Leute, die zumindest vorgeben, ihre Probleme lösen zu wollen, vielleicht auf radikale Weise. Und vielleicht sind sie dann ja in der Mehrheit.

Wir haben dann noch vom Walberla gesprochen, einem einst von Kelten und Germanen bewohnten Tafelberg bei Forcheim, dem "heiligen Berg" der Franken. Zum Walberlafest oben auf dem Gipfel könne er jetzt leider nicht mehr gehen, wie gesagt, das Herz. Das täte ihm leid. Irgendjemand hatte mal versucht, in der Nähe des heiligen Walberla Windräder zu bauen. Daraus wurde nichts. Hoffentlich bleibt es so.

BildOb heimelige fränkische Landschaften und Orte mit Windrädern zusammenpassen, hängt oft auch von der ganz individuellen Ansicht ab. (Foto: Heinz Wraneschitz/bildtext.de)

Der Autor und Journalist Georg Etscheit aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Naturschutz

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