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Zwickmühle Ökoschwämmchen

Etscheits Alltagsstress

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Es gibt Studien, Studien, Studien. Wissenschaftler produzieren sie am laufenden Band, die Medien zitieren aus ihnen, Politiker verweisen gerne auf sie, wenn sie nicht mehr weiterwissen. Viele Studien stimmen nicht besonders heiter. Vor allem solche über den Klimawandel: Gletscherschmelze, Larsen B, Temperaturrekorde, untergehende Ferienparadiese, Kipppunkte und so weiter. Man sollte sie nicht lesen, wenn man ein zartes Gemüt hat. Vor allem nicht zum Frühstück, sonst ist der Tag im Eimer.

A propos Frühstück. Kürzlich elektrisierte mich eine Studie über die "Keimschleuder Küchenschwamm". Es soll sich dabei um die "weltweit erste umfassende Studie zur Keimbelastung gebrauchter Küchenschwämme" handeln, schreibt die Pressestelle der Hochschule Furtwangen, also eigentlich Fachhochschule Furtwangen. Das Kaff liegt irgendwo im Schwarzwald, wo auch die viel zitierte "schwäbische Hausfrau" wohnt und abspült.

Die Ergebnisse sind katastrophal, weil in den Reinigungsutensilien "teils besorgniserregend hohe Konzentrationen von Bakterien" nachgewiesen worden seien. 100 Millionen Küchenschwämme seien derzeit deutschlandweit im Einsatz, rechnet ein mir unbekannter Professor Doktor Markus Egert vor, was "100 Millionen potenzielle Keimschleudern" bedeute. Und fünf von zehn der am häufigsten gefundenen Arten müssten zur "Risikogruppe 2" gerechnet werden, sie seien potenziell pathogen. Eine absolut unterschätzte Gefahr, die den Dieselskandal weit in den Schatten stellen könnte.

Wegen ihrer zahlreihen Poren böten die Schwämme Mikroorganismen aller Art besonders viel Platz zum Wachsen, erläutert Herr Egert. Und dann noch die schönen Essenreste: ein Schlaraffenland für Acinetobacter johnsonii, Moraxella osoloensis und Chryseobacterium hominis! Zum Teil erreichten die Bakterien Dichten von mehr als 50 Milliarden Zellen pro Kubikzentimeter. Egert: "Das sind Konzentrationen, wie man sie sonst nur in Fäkalproben findet."

Ich könnte also meine Teller auch mit gebrauchtem Klopapier reinigen. Oder gleich in der Kloschüssel statt im Spülbecken. Das ist ekelhaft. Aber es kommt noch schlimmer: "Den Schwamm heiß auszuwaschen oder in der Mikrowelle zu behandeln", so Egert und sein Team, sei "keine langfristige Lösung".

Da ist es mir heiß und kalt den Rücken runtergelaufen. Ich habe zwar noch nie einen Schwamm in eine Mikrowelle gelegt, weil ich schlicht keine besitze und ich auch nicht weiß, warum man ihn dort hineinlegen sollte, und heiß ausgewaschen habe ich auch noch keinen. Ich fürchte nämlich, dass er dann in seine Einzelteile zerfällt. Es ist nämlich so, dass ich immer nur ziemlich teure Ökoschwämmchen aus Zellulose kaufe, weil die besser riechen als die Plastikteile und sie mir auch ansonsten umweltfreundlicher vorkommen als die billigen Plastiktrümmer im Zehnerpack aus dem Supermarkt.

Aber wenn selbst kochen und bestrahlen nichts bringt, wie tödlich ist dann mein Ökoschwämmchen, das ja wegen seiner relativen Natürlichkeit wahrscheinlich einen besonders guten Nährboden für Killerkeime darstellt? Zumal ich mir auch angewöhnt habe, die Schwämmchen von wegen Nachhaltigkeit besonders lange zu benutzen. Wenn ich sie, wie die Forscher empfehlen, nun "im wöchentlichen Rhythmus" entsorgen soll, wäre der ganze grüne Effekt zunichte gemacht oder sogar ins Gegenteil verkehrt. Vielleicht müsste ich meine Ökoschwämmchen, weil die Studie nur für konventionelle Plastikschwämmchen gilt, sogar jeden Tag wegwerfen.

Eine klassische Zwickmühle. Was tun? Herrn Professor Egert anrufen und um eine Folgestudie speziell zu Ökoschwämmchen bitten? Die Deutsche Umwelthilfe zu einer Musterklage gegen die Küchenschwammindustrie auffordern? Würde es helfen, wenn ich zu dem guten alten Spüllappen meiner Mutter zurückkehre, der mir allerdings auch immer ziemlich versifft vorkam? Oder soll ich, wie das unser Hund macht, die Teller einfach ablecken? Das wäre sicher die ökologischste Variante.

Oh Gott, es gibt so viele Studien und so viele Gefahren. Am besten, man lebte gar nicht mehr. Das empfiehlt übrigens eine Studie, die jüngst dankenswerterweise hier auf klimaretter.info vorgestellt wurde. Demnach bringt der ganze Klimaschutzkrempel eigentlich nix, weil der größte Klimakiller der einzelne Mensch ist. Jedes in einem Industrieland eingesparte Kind bringt demnach eine CO2-Einsparung von fast 60 Tonnen! Die Nutzung grüner Energie, Vegetarismus und so weiter liegen weit abgeschlagen bei 0,8 Tonnen CO2-Einsparung. Immerhin da bin ich als überzeugter Kinderloser, vom Hund abgesehen, auf der sicheren Seite.

BildIdeale Lebensbedingungen für Mikroorganismen: Lappen und Schwämme weisen ähnliche Bakterien-Konzentrationen auf wie Stuhlproben. (Foto: Jacqueline Macou/​Pixabay)

Der Autor und Journalist Georg Etscheit aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Naturschutz

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