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Generation Polo blue motion technology

Etscheits Alltagsstress

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Ich gehöre zur Generation Polo blue motion technology. Das sind die Leute, die zwar nicht auf ein eigenes Auto verzichten wollen (oder können), aber Wert auf Sparsamkeit legen. Und für die ein Auto kein Fetisch ist, sondern ein Fortbewegungsmittel. In der Ausführung "blue motion technology" mit extra schmalen Reifen, Startstoppautomatik und anderem Effizienz-Schnickschnack scheint es mir recht umwelt- und klimafreundlich. Ökologischer wäre es natürlich, gar kein Auto zu besitzen, aber solcherlei Konsequenz bringe ich nicht auf. Ich bin automäßig so etwas wie der Flexitarier unter den Carnivoren.Bild

Ein Polo ist schon noch ein richtiges Auto mit vier Türen, ausreichend Platz für zwei Leute mit Gepäck und die Hundekiste. Und der Kofferraum ist geräumig genug für unterwegs aufgelesene Weinkisten. Auf die elektrischen Fensterheber könnte ich verzichten, weil sie sich so schlecht dosieren lassen. Mit der Kurbel ging das besser. Das Navi allerdings ist eine echte Errungenschaft. Eigentlich wollte ich keines, weil das wieder nur unnütz Energie verbraucht. Jetzt liebe ich seine säuselnden Einflüsterungen. Wenn es nur nicht so viele neue Kreisel gäbe.

Vor Kurzem flatterte mir ein Brief aus Wolfsburg ins Haus. Unterzeichnet von einem Dr. D. Schukraft (nicht Schubkraft, was treffender wäre), "Leitung Produktsicherheit", und Herrn G. Gasterstädt, "Leitung Verbraucherschutz". Ja, so etwas gibt es bei VW. In der Betreffzeile steht die ellenlange Fahrgestellnummer meines Polo, jene Zahlenkombination, die Autoknacker immer herausfeilen, um die Herkunft ihrer Beute zu verwischen.

Das Schreiben klingt etwas gestelzt. Zunächst mutmaßen die beiden Herren, dass mein "Vertrauen in die Marke Volkswagen" erschüttert sein könnte und entschuldigen sich dafür. Ich finde es nett, dass sich diese wichtigen Führungskräfte der Volkswagen Aktiengesellschaft bei mir entschuldigen. Noch netter wäre es gewesen, wenn Herr Winterkorn, der wegen des Abgasskandals gefeuerte VW-Chef, oder zumindest der neue Vorstandschef Matthias Müller bei mir zu Kreuze kröchen. Nur ist mein Vertrauen gar nicht erschüttert.

Aber erstmal weiter im Text. "Im Rahmen der aktuellen Berichterstattung über die Stickoxidproblematik" müsse man mir mitteilen, dass auch mein Polo betroffen sei. "In einem begrenzten Fertigungszeitraum sind Dieselmotoren mit einer Motorsteuergeräte-Software eingebaut worden, durch welche die Stickoxidwerte (NOx) im Vergleich zwischen Prüfstandlauf (NEFZ) und realem Fahrbetrieb verschlechtert werden." Aus diesem Grund ist eine Umprogrammierung des Motorsteuergerätes erforderlich.

Auch nach mehrmaligem Lesen bleibt mir der Sinn dieses Satzes verborgen. Ich kann nur hoffen, dass sich mein "autorisierter Partner für Volkswagen" damit auskennt.

Aber ehrlich gesagt tangiert mich das alles nicht wirklich. Und anderen Leuten scheint es ähnlich zu gehen, sonst wären die Verkaufszahlen von VW auch im Inland kräftig eingebrochen. Stattdessen geht es VW so gut wie nie, wenn man mal von den Milliardenstrafen absieht, die die Wolfsburger Schönfärber in den USA abdrücken müssen. Ein bisschen fuchst es mich, dass VW-Dieselkunden in Amiland eine satte Entschädigung kassieren, während ich mühsam bei meinen VW-Partner vorstellig werden muss. Hoffentlich findet er bei der Umprogrammierung nicht noch mehr Fehler. Dann kann die Rückruf-Prozedur doch noch teuer werden.

Den Werksangaben zu Schadstoffausstoß und Spritverbrauch habe ich noch nie getraut. Weil ich ohnehin so sparsam wie möglich fahre – und ein sparsames Auto produziert weniger Schadstoffe und Klimakiller als ein Auto, dessen Besitzer den Bleifuß hat. Nehme ich zumindest an. Egal, ob die "Motorsteuerungs-Software" nun manipuliert ist oder nicht.

Immerhin versprechen Herr Dr. Schukraft und Herr Gasterstädt, dass man mir "bei Bedarf gern für den Zeitraum der Durchführung der Maßnahme" (Dieser sehr konsequente Nominalstil würde Sprachguru Wolf Schneider gefallen!) eine individuell "auf meine Bedürfnisse zugeschnittene angemessene Ersatzmobilität" kostenfrei zur Verfügung stellen werde. Klingt so, als hätte hier ein Juristenteam kräftig gefeilt, damit die geneigten Kunden nicht auf die Idee kommen, ein paar Tage mit einem schicken Ersatzwagen herumkurven zu wollen. Vielleicht wollen die mir ein Fahrrad zur Verfügung stellen. Oder Rollschuhe?

Ehrlich gesagt, wenn ich diesen Krampf lese, beginne ich darüber nachzudenken, ob mein Vertrauen auf die Marke Volkswagen nicht doch angeknackst sein könnte.

BildPlatz für Wein- und Hundekisten und ein gutes Gewissen. (Foto: Detectandpreserve/​Wikimedia Commons)

Der Autor und Journalist Georg Etscheit aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Naturschutz

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