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Jetzt doch eingetroffen: Der Winter!

Etscheits Alltagsstress

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Jetzt kann man es wieder hören, allmorgendlich beim Aufwachen, das beschauliche Schaben und Kratzen der Schneeschaufeln. Der Winter ist da, die "verloren geglaubte Jahreszeit" (Süddeutsche Zeitung), und die Hausmeister und Häuslebesitzer dieser Republik schwärmen aus, um der behördlich verordneten Verkehrssicherungspflicht zu genügen. Damit sich kein turnbeschuhter, an die ungewöhnliche Witterung unangepasster Jüngling oder ein Rentner, der seinen Rollator noch nicht auf Winterbetrieb umgestellt hat, die Haxen bricht.Bild

Mindestens seit Anfang Oktober wird in den Wetterkolumnen, Wetterportalen und Wetterblogs intensiv über die Frage diskutiert, was der Winter diesmal auf der Pfanne hat. Wann er kommt, ob wir im Eishauch aus Putins Kältereich bibbern müssen oder im T-Shirt-Wetter zu Unzeiten biergarteln dürfen. Oder ob die "kalte" Jahreszeit womöglich wieder ganz ausfällt, wegen des Klimawandels, oder ob gerade der Klimawandel dieses Jahr zu einem besonders knackigen Winter führen könnte, weil der die Strömungsverhältnisse in der Atmosphäre durcheinandergewirbelt hat.

Früher kam der Winter einfach, mal früher oder später, heute wird er von aufgeregten Medien beschworen und, dank Klimawandel und Energiewende, zum Politikum. Und wenn der Deutsche Wetterdienst nicht oft genug unheilschwangere Wetterwarnungen ausspricht, die Heinz Wolf oder Jens Riewa dann im Fernsehen präsentieren dürfen, taucht Jörg Kachelmann aus der medialen Versenkung auf, um dem subventionierten Staatsunternehmen Unfähigkeit vorzuwerfen.

Unmittelbar nach Weihnachten schwoll der Chor der Winterauguren zum dröhnenden Bocksgesang an. Die Liveticker der Wetterdienste rauchten in Erwartung eines veritablen Schneesturms, der das Land bald "fest im eisigen Griff" halten würde. Das Chaos, also die vollständige Abwesenheit jeder Ordnung, blieb erwartungsgemäß aus, doch die Liftbetreiber in den Bayerischen Alpen und anderswo hatten endlich doch das, auf das sie so lange gewartet hatten: Naturschnee satt. An den Terminus (Naturwein, Naturkost) wird man sich gewöhnen müssen, seit die meisten Skipisten über eine Komplettbeschneiung verfügen.

Schöner Winterurlaub auch ohne Schnee

Dabei war der Schneemangel um Weihnachten gar nicht so schrecklich, wie es die Touristiker immer ausmalen, um für ihre Schneegarantie-all-inklusive-Angebote noch mehr Subventionen zu ergattern. Zumindest in den Tälern und mittleren Höhenlagen war es trotz Inversionswetterlage (oben warm, unten kalt) meist so zapfig frisch, dass nicht nur die Schneekanonen hübsche, weiße Bänder auf grünbraune Wiesen zaubern konnten, sondern bei strahlendem Sonnenschein vulgo Kaiserwetter sogar so etwas wie Winterstimmung aufkam.

Winterurlauber in den Weihnachtsferien zeigten sich flexibel und stürmten die Gipfel "wie im Sommer", so die Tiroler Tageszeitung, die einen Hotelier mit der Aussage zitierte, dass sich die Gäste "ohne Weiteres mit der schönen Landschaft, dem herrlichen Wetter und dem geruhsamen Wandern" zufrieden gäben. Na also, geht doch, der sanfte Tourismus!

Ich kann das nur bestätigen, weil ich als langjähriger Wintersportmuffel und Besitzer eines kurzbeinigen Hundes schon seit Jahren dem Winterwandern fröne. Seit ich auch die Schneeschuhe verkauft habe – man muss die winterschlafenden Auerhühner ja nicht auch noch in ihren letzten Rückzugsgebieten aufscheuchen – funktioniert das freilich nur dann, wenn es nicht mehr als fünf bis maximal zehn Zentimeter geschneit hat. Sonst versinkt das arme Vieh bis zur Schnauze in der "weißen Pracht". Insofern war der lange schneelose Klimakatastrophenwinter ganz prima. Bis die Schneewalze anrückte.

Mein Hund verfügt übrigens über ein wärmendes Fell, das ihn der Frage enthebt, wie man sich klamottenmäßig am besten für den wankelmütigen Klimawinter rüstet. Aktuell sind grade sündteure Daunenjacken aus Kanada gefragt, bei deren bloßem Anblick ich schon Schweißausbrüche bekommen. Merkwürdig, dass ausgerechnet heute, wo alle den Winter schon abgeschrieben haben, solche Monsterjacken in Mode sind, mit denen man unschwer eine Durchquerung der Antarktis überleben würde, sofern man nicht einen Hitzschlag bekommt.

Aber das Temperaturempfinden vieler Menschen scheint ja generell etwas durcheinandergeraten zu sein. Selbst bei minus zehn Grad sieht man Menschen in Trainingshosen und dünnen Sneakers durch den Schnee stapfen. Manchmal sogar in Shorts! Dafür ziehen sie sich im Hochsommer eine Wollmütze über den Kopf.

Verworrene Zeiten sind das.

BildWinter in den Alpen: Schöner mit Naturschnee. (Foto: Simon Steinberger/Pixabay)

Der Autor und Journalist Georg Etscheit aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Naturschutz

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