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Leuchtreklame auf dem Allerwertesten

Etscheits Alltagsstress

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Hunde sind heute fast immer beleuchtet. Es gibt Halsbänder, die wie Plastikschläuche aussehen und in allen Farben regelrecht erstrahlen. Oder leuchtende Knochen und Herzchen. Man kann sie auch in den Blinkmodus stellen. Im dunklen Park sieht man dann merkwürdige Irrlichter durchs Unterholz jagen. Vielleicht wird man streunenden Haustieren irgendwann mal ein Leuchtgen implantieren, so wie man es bereits bei Fischen gemacht hat. Das würde vielleicht helfen, dass weniger Katzen platt gefahren werden. Bild

So, der Übergang ist jetzt vielleicht etwas abrupt, aber möglich: Seit Erfindung der irrsinnig sparsamen und praktisch überall einsatzbaren LEDs hat die Bedeutung des Weihnachtsfestes als Fest des Lichts nämlich abgenommen. In den dunklen Zeiten vor dem Siegeszug der künstlichen Beleuchtung war Licht noch etwas Besonderes, vor allem im Winter, wenn es früh dunkel wurde. Heute muss man, um den einstigen Wert des Lichts zu ermessen, schon zu Manufactum laufen, um dort handgezogene Bienenwachskerzen vom letzten Kerzenzieher in der Oberpfalz zu ergattern. Zu Preisen, die dem Christkind Schweißperlen aufs lockige Haupt treiben würden.

Das zeitgemäße Pendant zum Bienenwachs sind eben jene Leuchtdioden, die gerade eine Lichtrevolution in Gang gesetzt haben. Was man alles beleuchten kann, wird erst nach und nach offenbar. Kinderschuhe zum Beispiel, die bei jedem Schritt der Gören in allen Regenbogenfarben blinken, sind der letzte Schrei bei Technik-affinen Eltern. Bald wird man die Dinger, sind sie mal abgelatscht oder aus der Mode gekommen, im Sondermüll entsorgen müssen, wegen der Schwermetalle in den Minibatterien.

Kürzlich kam mir im Englischen Garten ein mit LEDs illuminierter Kinderwagen entgegen. Auch Fahrräder erstrahlen neuerdings in allen Farben, die die Elektronik hergibt. Und selbst die sausenden Rädchen von Skateboards müssen nicht länger ein Schattendasein fristen. Auch Rucksäcke mit integrierter Sicherheits-Befeuerung wurden schon gesichtet. Dann müssen sich Ramboradler keine Lämpchen mehr an den Hintern klemmen.

Den Anwendungen von LEDs sind keine Grenzen gesetzt. Einzelne Lichtquellen im Haus sollen bald der Vergangenheit angehören. Irgendwann sollen ganze Möbel leuchten oder gleich Wände, Decken und Fenster. Ich frage mich nur, was dann aus dem versprochenen Stromspareffekt wird. Oder haben wir es hier mit einem jener reizenden Rückkopplungseffekte zu tun, die Effizienzgewinne wieder zunichtemachen?

Richtig umweltfreundlich sind die sparsamen Dioden natürlich erst dann, wenn sie mit Ökostrom gespeist werden. Für all den funzelnden Schwachsinn müssen dann noch ein paar Windräder mehr aufgestellt werden. Die blinken aus Gründen des Kollisionsschutzes heute schon, was aber nur der Anfang sein dürfte. Man könnte sie doch wie ganzjährige Weihnachtsbäume von der Mastbasis bis zu den Rotorspitzen in effektvolle Lichtskulpturen verwandeln, um die deutschen Nachtenergielandschaften noch attraktiver zu machen.

Was bei Windrädern und Tieren geht, sollte auch beim Menschen möglich sein. "Smarte" Klamotten werden sicher bald eine Beleuchtungsfunktion haben. Dann kann man sich, je nach Gusto, beliebig an- und ausknipsen. Oder man pflanzt auch Menschen ein Leuchtgen ein. Alte Leute, die aus dem Seniorenstift ausbüxen, könnte man dann schneller wiederfinden. Und Einbrecher würden sich nicht mehr "im Schutz der Dunkelheit" davonstehlen können.

Findige Ingenieure und Gentechniker werden sicher einen Weg finden, die Leuchtgene so anzusteuern, dass man auf der Haut Werbefilmchen abspielen kann. Reklame für eine Hämorrhoidensalbe könnte man zielgruppengerecht gleich auf dem Allerwertesten platzieren. Wäre ein schöner Zusatzverdienst für Hartzis, die mal in der Glühbirnenindustrie gearbeitet haben. Irgendwie wäre dann das ganze Jahr Weihnachten!

BildLED-Lampen: Energiesparer oder funzelnder Schwachsinn? (Foto: Osram)

Der Autor und Journalist Georg Etscheit aus München engagiert sich seit vielen Jahren im Umwelt- und Naturschutz

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