Globale Erwärmung in 35 Sekunden

Schmidtkes Streifzug

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Seit dem 1. August findet der von Antti Lipponen vom finnischen Wetterdienst gestaltete Temperaturzirkel zur globalen Erwärmung eine erstaunliche Verbreitung in den sozialen Medien. Geteilt hat der Physiker die animierte Grafik auf seinem Twitter-Account und über 7.000 andere Menschen haben sie inzwischen weiterverbreitet. Man könnte denken: Kein Wunder – bei dem Sommer! Denn wo andere noch darüber streiten, ob Hitzewellen in Südeuropa oder Starkregen in Norddeutschland "nur Wetter oder schon Klimawandel" sind, bringt es die Animation auf den Punkt – ohne große Worte, nur mit ein paar tausend gesammelten Daten. 

Die sternförmige Grafik zeigt die globale Erwärmung – und zwar so, dass der Trend für jeden verständlich und die globale Dimension deutlich wird. In 35 Sekunden werden Nasa-Daten zu Anomalien der Durchschnittstemperaturen von über 100 Ländern von 1900 bis 2016 zusammenmontiert. Die Temperaturbalken der Animation zeigen die jeweilige Abweichung in Farbe und Ausschlagen des Balkens. Über die Zeit steigt die Durchschnittstemperatur in jedem Land an. Es gibt global gesehen keine Ausnahmen. Im Jahr 2016 liegt die Abweichung im Weltdurchschnitt bereits bei mehr als einem Grad im Vergleich zum vorindustriellen Zeitalter.

Ein prägnantes Ergebnis und gutes visuelles Argument, das dem neu verhandelten Klimavertrag noch mehr Relevanz verleiht und Ewiggestrige à la Donald Trump einmal mehr als Schmierenkomödianten entlarvt. Denn hier wird in komprimierter Form sichtbar, was wir gerade an Wetterphänomenen auf der ganzen Welt erleben. In Deutschland zum Beispiel das Hin und Her von Hitze, Gewittern und Starkregen und eine regelmäßige Temperaturschwankung von mehr als zehn Grad. Verfolgen kann man das Ganze gut auf Twitter unter den Hashtags #Sommer2017, #Dauerregen oder #Hochwasser.

Regenjacke, Regenschirm und Gummistiefel gehören in Deutschland ins Gepäck für den Sommerurlaub und flexible Planungen für Aktivitäten im Freien sind bereits Normalität. Die Wetter-Apps sind keine zuverlässigen Ratgeber mehr, da die Prognosen sich von Tag zu Tag verschieben können. Wenn sich schnell dunkle Wolken zusammenziehen, schauen viele Menschen einfach in den Himmel und warten kurz ab, ob es regnet oder der Schauer doch schnell vorüberzieht.

Das gehört genauso zu den Folgen der Erderwärmung wie die Hitzewelle in Südeuropa, unter deren Glocke Menschen an Herzversagen sterben und Wälder innerhalb weniger Stunden hektarweise abbrennen. Klar kann man sich rauswinden und sagen: Nur weil es wärmer wird, muss ja nicht das Wetter außer Rand und Band sein. Kann man. Genauso wie man behaupten kann, dass es in den letzten hundert Jahren gar nicht wärmer geworden ist. Oder wir in der sogenannten Erwärmungspause leben. Danke, Antti Lipponen, und: #ohne Worte!

In 35 Sekunden werden Nasa-Daten über Anomalien der Durchschnittstemperaturen von über 100 Ländern von 1900 bis 2016 zusammenmontiert: 2016 liegt die Abweichung bereits bei mehr als einem Grad. (Video: Antti Lipponen/Youtube)

Daniela Schmidtke, Jahrgang 1981, ist Kuratorin, Performancekünstlerin und Kulturmanagerin in Berlin

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