Erfolgreiche Klimaforschung, wärmende Wolken und zu viel Stoff für die Heute-Show

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe. Als einer der ersten deutschen Wissenschaftler warnte Graßl vor den Folgen des Klimawandels.

Graßls Woche

Bildklimaretter.info: Wenn die Erkenntnisse der Klimaforschung einen spürbaren Effekt auf die Gesellschaft haben sollen, ist Alarmismus wirkungslos, erklärten Fachleute auf dem K3-Kongress diese Woche in Salzburg. Herr Professor Graßl, was macht gute Klimakommunikation aus?

Hartmut Graßl: Hätten wir keine Paris-Vereinbarung bekommen, dann wäre ein solcher Kongress wichtig gewesen. Wären wir Klimaforscher schlechte Kommunikatoren gewesen, dann wäre die Verwirrung in der Öffentlichkeit noch immer so hoch, dass es keine wesentlichen politischen Beschlüsse gegeben hätte. Der Mix aus einigermaßen gesichertem Wissen mit Fehlerbalken und noch teilweise offenen Fragen sowie den gänzlich unbeantworteten Fragen, typisch für den Weltklimarat IPCC, scheint bei den Entscheidern zu wirken.

Für mich hat es zu lange gedauert, bis die Geistes- und Sozialwissenschaften das Thema Klimaänderungen durch den Menschen ernst genommen haben. Das IPCC hatte schon 1990 mit seinem ersten Sachstandsbericht die Klimarahmenkonvention angeregt, die dann 1992 in Rio de Janeiro unterzeichnet wurde.

Auch das Sich-Reiben an den Klimawandelleugnern durch die Medien nach der Paris-Vereinbarung ist schon fast lächerlich, sie sind nur noch geeigneter Stoff für die Heute-Show.

Derzeit wird wieder kontrovers diskutiert, wie viel Zeit der Menschheit noch bleibt, bis das CO2-Budget für das 1,5-Grad-Ziel aufgebraucht ist. Wie kommt es, dass verschiedene Forscher zu so unterschiedlichen Ergebnissen kommen?

Diese Frage sollte besser lauten: Ist das 1,5-Grad-Ziel überhaupt noch erreichbar? Die Antwort wäre dann: Es gibt eine Wahrscheinlichkeit für das Nichterreichen, die stark von der Empfindlichkeit des Klimasystems gegenüber einer Strahlungsbilanzstörung der Erde durch erhöhte Treibhausgas-Konzentrationen abhängt.

Da diese Empfindlichkeit wiederum auch davon abhängt, ob und wie stark die erhöhte Lufttrübung bisher gekühlt hat, muss es eine Spannbreite der Äußerungen der Klimatologen dazu geben. Eine einzelne Arbeit herauszugreifen ist falsch. Erst die Debatte in der Wissenschaft kann Unsicherheiten reduzieren.

Deshalb sind die Bewertungen durch das IPCC so wichtig. Kein anderes komplexes Wissensgebiet wird von den Wissenschaftlern unter dem Dach der Vereinten Nationen so stark international bewertet wie das der anthropogenen Klimaänderungen.

Ich wünsche jedem Skeptiker eine Integration in eine Gruppendiskussion im IPCC. Erst dann wird man die Fehlerbalken verstehen lernen und die Schwierigkeit einschätzen können, sich näher an die Wahrheit heranzurobben.

Der erste IPCC-Vorsitzende Bert Bolin hat uns Autoren für das Kapitel zu den noch unbeantworteten Fragen vor dem zweiten Statusbericht im Jahr 1995 gesagt: Ich möchte das Kapitel "Reducing Uncertainties" – also "Unsicherheiten verringern" – umbenannt sehen in "Improving our Understanding" – "Verständnis erhöhen". Denn besseres Verständnis kann auch zu größeren Unsicherheiten über die Reaktion des Klimas auf externe Anstöße führen. Wir sind ihm gefolgt.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Am 29. September ist in einem Beitrag amerikanischer und britischer Kollegen in der Zeitschrift Nature Climate Change eine seit Jahrzehnten immer wieder geäußerte zentrale Unsicherheit vermindert worden. Mit einer langen Beobachtungsreihe des Strahlungshaushalts der Erde über 16 Jahre von 2001 bis 2016 von Satelliten aus und verbesserter Behandlung der Wolken in Klimamodellen ist folgende Aussage möglich geworden: Die Wolken verstärken wahrscheinlich den erhöhten Treibhauseffekt!

Da Wolken im globalen Mittel die Erdoberfläche kühlen, ist es sehr wichtig zu verstehen, inwieweit sich dieser kühlende Effekt abschwächt oder verstärkt, wenn die Erdoberfläche durch höhere Treibhausgas-Konzentrationen wärmer wird. Mit den Beobachtungen getestete Modelle stimmen inzwischen darin überein, dass die Rückkopplung moderat positiv ist, also die Erwärmung leicht verstärkt wird. Damit ist die entsprechende IPCC-Aussage von 2013 nicht nur bestätigt, sondern auch sicherer geworden.

Fragen: Friederike Meier

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