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Sterbende Schwäne, zu viel Methan und die Dummheit der Atomkraftnutzung

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe. Als einer der ersten deutschen Wissenschaftler warnte Graßl vor den Folgen des Klimawandels.

Graßls Woche

Bildklimaretter.info: Herr Professor Graßl, Wissenschaftler appellieren an die Staats- und Regierungschefs der G20-Staaten, dass die Kehrtwende beim globalen Treibhausgasausstoß bis 2020 geschafft sein muss, um die globale Durchschnittstemperatur auf 1,5 Grad zu begrenzen. Andere Analysen sind deutlich pessimistischer. Sind die 1,5 Grad denn noch realistisch?

Hartmut Graßl: Diese Appelle vor Konferenzen sind zwar richtig, aber sie haben keine wesentliche Wirkung. Wer die Berichte des Globalen Kohlenstoffprojektes liest, eine im Jahre 2001 bei der gemeinsamen Tagung der Forschungsprogramme zum Globalen Wandel eingerichtete Gruppe führender Wissenschaftler, der ist etwas optimistischer, als die gestellte Frage es ausdrückt.

Denn seit 2013 steigt bei mit drei Prozent pro Jahr wachsender Weltwirtschaftsleistung der globale anthropogene CO2-Ausstoß nur noch marginal an. Das heißt, eine wesentliche Teilentkopplung zwischen Ökonomie und Einsatz fossiler Brennstoffe ist erreicht.

Hauptgrund dafür sind erste Erfolge der Energiewende in einigen Ländern, allen voran in der Volksrepublik China. Deren hochgestecktes Programm für erneuerbare Energie aus Wind und Sonne greift wesentlich. Da China sich im Übergang zu einer Industrienation befindet, ist mit weiter schrumpfendem Wirtschaftswachstum unter die Werte von zurzeit unter sieben Prozent zu rechnen.

2015 sanken die CO2-Emissionen in China gegenüber 2014 - laut Aussagen einer internationalen Wissenschaftlergruppe und nicht der Regierung. Also wird bis 2020 wohl die oben angesprochene Trendwende erreicht.

Die globalen Methanemissionen steigen rasant. Verursacher ist vor allem die Landwirtschaft. Reicht es bei der Rinderhaltung und dem Reisbau anzusetzen?

Die Methankonzentration in der Atmosphäre steigt seit 2006 nach einer Stagnationsphase wieder an, sie hat aber seither die hohen Anstiege in den 80er und 90er Jahren des vergangenen Jahrhunderts nicht wieder erreicht. Seit dem Beginn der Industrialisierung um etwa 1750 ist die Methankonzentration insgesamt um mehr als 150 Prozent angestiegen.

Die Hauptgründe für den Anstieg im letzten Jahrzehnt bis 2015 sind: Erstens, mit etwa einem Drittel Beitrag die Nutzung fossiler Brennstoffe, weil bei Kohle- und Erdölförderung Methan oft unkontrolliert entweicht und es der Hauptbestandteil des Erdgases ist; zweitens der Reisanbau und drittens die Rinderzucht, mit jeweils etwa einem weiteren Drittel der globalen anthropogenen Emissionen.

Maßnahmen zur Minderung sind bekannt: Sauberere Erdölförderung (speziell manche Erdölfrackinganlagen in den USA sind besonders starke Methanquellen), verkürzte Überflutungszeiten der Reisfelder sowie veränderte Fütterungsmethoden für Rinder wären zuerst zu nennen. Ein wesentlicher Rückgang der Methanemissionen in den Industrienationen käme also von einer beschleunigten Energiewende und einem verminderten Fleischkonsum.

Bislang haben Forscher vor allem vor dem rapiden Eisschmelzen in der Arktis gewarnt. In den vergangenen Monaten gab es immer wieder Berichte über Eisverluste am Westantarktischen Eisschild. Wie dramatisch ist die Situation in der Westantarktis?

Obwohl sich die Meereisfläche um die Antarktis in den letzten Jahrzehnten nicht signifkant geändert hat, ist vor allem durch einen neuen Satellitensensor, Cryosat2 der Europäischen Weltraumbehörde, belegt, dass die Eisströme des Westantarktischen Eisschildes rascher als bisher in den Ozean fließen und ihre Oberfläche einsinkt. Dadurch wird schon etwa ein Zehntel des Meeresspiegelanstieges von zurzeit etwas über drei Millimeter pro Jahr durch das Schmelzen antarktischen Eises verursacht.

Jetzt haben die Kollegen aus verschiedenen Ländern mit Hilfe der Auswertung von Sedimentbohrkernen, die im Jahre 2010 in der Amundsensee vom Forschungs- und Versorgungsschiffes Polarstern des Alfred-Wegener-Institutes in Bremerhaven aus geborgen worden waren, festgestellt, dass auch vor 7500 Jahren - das war annähernd zu der Zeit höchster Erwärmung im Holozän - die Schmelze des westantarktischen Eises ähnlich hoch wie heute war.

Anders als noch vor einem Jahrzehnt angenommen, als von dem Aufbau des viel mächtigeren ostantarktischen Eisschildes gesprochen wurde, trägt die Antarktis schon jetzt zum Meeresspiegelanstieg bei. Die Fehlerbalken für eine erste Abschätzung des zukünftigen Beitrages sind durch die neuen Befunde wesentlich kleiner geworden.

Das sind aber auch beunruhigende Nachrichten für die Menschen in niederen geografischen Breiten, denn durch die verringerte Anziehungskraft der Erde in den schrumpfenden Eisgebieten der Antarktis und in Grönland landet das Schmelzwasser überwiegend in den niederen Breiten mit höherer Anziehungskraft durch den Erdkörper.

Was war Ihre Überraschung der Woche?

Die erfolgreiche UN-Debatte über die Ächtung der Atomwaffen. 122 Länder haben am 7. Juli 2017 in New York am Hauptsitz der Vereinten Nationen für einen Vertrag gestimmt, der Kernwaffen ächtet. Für mich ist dies auch der Anfang vom Ende der friedlichen Nutzung der Kernenergie, denn alle, die Kernkraftwerke betreiben können, haben das Potenzial zur Herstellung von Atomwaffen.

Mich persönlich erinnert das an eine Pressekonferenz anlässlich der Verleihung des Deutschen Umweltpreises im Oktober 1998: Auf die Frage eines Journalisten "Als Klimaforscher müssten Sie doch ein Unterstützer der Kernenergienutzung sein?" antwortete ich, dass ich mich nicht über einen sterbenden Schwan errege. Das hat mir einen bösen Brief des Vorsitzenden des Deutschen Atomforums eingebracht, nach dessen höflicher Beantwortung wir auf eine Diskussion mit Argumenten zurückkehren konnten.

Jetzt, fast 19 Jahre danach, gilt: Im letzten Jahrfünft ist weltweit die Kernenergienutzung zurückgegangen und hochentwickelte Länder wie die Schweiz und Deutschland steigen mit festen Plänen aus. Auch ist eine Kilowattstunde Strom aus der Fotovoltaik schon jetzt billiger als die aus einem neuen Kernkraftwerk. Können Länder so dumm sein, dass sie teuer und gefährlich wählen, wenn billiger und ungefährlich die Alternative ist?

Fragen: Sandra Kirchner

[Erklärung]  
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