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Zerfallende Riffe, rücksichtslose Autofahrer und schiefe Berichterstattung

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe. Als einer der ersten deutschen Wissenschaftler warnte Graßl vor den Folgen des Klimawandels.

Graßls Woche

Bildklimaretter.info: Herr Professor Graßl, neue Luftaufnahmen zeigen das Ausmaß der Korallenbleiche am Great Barrier Reef: Zwei Drittel des gesamten Riffs sind betroffen. Der Grund: Rekordtemperaturen durch die globale Erwärmung. Leute, die nicht vom Fach sind, verstehen oft nicht so recht, was daran so schlimm sein soll. Was sagen Sie denen?

Hartmut Graßl: Korallen leben in Symbiose mit Algen, sogenannten Zooxanthellen, die ihnen auch die unterschiedlichen Farben geben. Die Steinkorallen bleichen aus, wenn die Algen bei zu hoher Temperatur zum großen Teil absterben. Das Ausbleichen wird in großen Gebieten des tropischen Pazifiks, aber auch im tropischen Indischen Ozean, immer wieder durch die unregelmäßig alle paar Jahre auftretenden sogenannten El-Niño-Ereignisse, den besonders warmen östlichen Pazifik, ausgelöst. Bei danach manchmal direkt folgenden Abkühlungen in diesem Gebiet im östlichen Pazifik erholen sich viele der Korallenriffe wieder, das heißt die Algen wachsen wieder an den Korallen.

Weil die Temperaturen aber durch die mittlere globale Erwärmung insgesamt höher liegen als früher – denn auch die Tropen werden wärmer, wenn auch nicht so stark wie die mittleren und hohen geografischen Breiten –, erholen sich weniger der gebleichten Riffe. Genau das ist am Großen Barriere-Riff vor der australischen Ostküste jetzt der Fall, der äquatornähere Teil ist nach dem weltweit bisher wärmsten Jahr 2016 weiterhin gebleicht. Dadurch ist im Bereich der gebleichten Riffe nicht nur die in Korallenriffen besonders ausgeprägte biologische Vielfalt gefährdet, sondern bei anhaltender Bleiche und dadurch zum Teil zerfallenden Riffen schwindet auch der Sturmflutschutz. 

Wälder und Böden speichern große Mengen Kohlenstoff, der durch Rodung und Ackerbau freigesetzt wird und als CO2 den Klimawandel anheizt. Eine Studie zeigt nun, dass ein Teil des Kohlenstoffs nicht direkt in die Atmosphäre gelangt, sondern in dem Sediment verbleibt, das durch Bodenerosion abgetragen wird. Müssen wir uns also doch nicht so viele Sorgen machen?

Seit dem Start der "Earth System Science Partnership" im Jahr 2001 gibt es das globale Kohlenstoffprojekt GCP der weltweit koordinierten Forschungsprogramme zum globalen Wandel. Diese Gruppe ausgewiesener Forscher veröffentlicht jährlich das neue Wissen zum Kohlenstoffkreislauf.

Im späten Jahr 2016 hat das GCP Folgendes berichtet: Für das Jahrzehnt von 2006 bis 2015 wurde von den insgesamt durch menschliche Aktivitäten emittierten zehn Milliarden Tonnen Kohlenstoff – das entspricht etwa 37 Milliarden Tonnen CO2 – nur etwa ein Viertel vom Ozean aufgenommen. Etwa 30 Prozent sind in Böden und der Vegetation gespeichert worden, und nur etwa zehn Prozent kamen durch Landnutzungsänderungen hinzu.

Für diese jetzt zehn Prozent haben Kollegen abgeschätzt, dass ein nicht unwesentlicher Teil in Sedimenten zwischengespeichert wird. Sie haben damit gezeigt, dass vielleicht wenige Prozent der gesamten Emissionen nicht rasch in die Atmosphäre gelangen. Weil in der Wissenschaft ein Befund durch andere Untersuchungen bestätigt oder kritisiert werden muss, bevor er in erweitertes Wissen übergehen kann, werden wir wohl erst im nächsten Bericht des Zwischenstaatlichen Ausschusses über Klimaänderungen in etwa drei Jahren das Neue abgesichert bekommen. 

Die diesjährige Umfrage zum Umweltbewusstsein der Deutschen zeigt, dass die Liebe zum Auto doch nicht so innig ist wie immer angenommen. 91 Prozent der Bundesbürger sagen, das Leben wäre besser, ohne auf ein Auto angewiesen zu sein. Tatsächlich aber fahren immer mehr Autos auf deutschen Straßen. Was müsste die Politik tun, damit Wunsch und Wirklichkeit mehr zusammenpassen?

Das Auto verschafft vielen Männern, aber auch Frauen bei nicht vollgestopften Straßen Lustgewinn, zum Beispiel wenn man in hügeligem Gelände allein durch eine leichte Fußbewegung die Stärke von über hundert Pferden hat und sogar eine Steigung mit Kurven mit der erlaubten Höchstgeschwindigkeit von 100 Kilometern je Stunde schafft. Rechnet man Kinder, Jugendliche, alte Menschen, Behinderte und Autofreie zusammen, dann ist die Mehrheit der Bevölkerung nicht am Steuer. Dennoch gefährdet man die Gesundheit dieser Mehrheit, nicht nur direkt auf der Straße durch immer mehr und immer größere Autos, sondern auch indirekt im Park und in der Wohnung durch die legalen Emissionen aus Diesel- und Benzinfahrzeugen sowie die zum Teil illegalen Dieselemissionen.

Warum hat die Umweltministerin nicht mit dem Druck der Mehrheit der Bürger den Automobilverkehr wenigstens etwas gebändigt? Weil die Große Koalition die Automobilindustrie weiterhin hätschelt und ein vermeintlich weniger wichtiges Ressort sich dagegen nicht durchsetzen kann.

Persönlich habe ich die Konsequenzen 1971 gezogen, seitdem wohnte ich an insgesamt fünf Orten in Fußgänger- und Fahrraddistanz zu meinem Arbeitsplatz, was sehr erholsam ist und auch nicht teurer. Die echte Wende kommt wohl aus China, wenn dort ab 2025 die Pläne wirksam werden, keine neuen Diesel- und Benzinautos mehr zuzulassen.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Dass sogar die Frankfurter Allgemeine bei der Offshore-Windenergie am Donnerstag zum ersten Mal im Wirtschaftsteil das Fehlen von staatlichen Zuschüssen feststellt und dies mit der zweifelhaften Überschrift "Erneuerbare Energie lohnt sich endlich" versieht. Was war geschehen? Als Resultat einer Ausschreibung haben die Windparkbetreiber, die am wenigsten Einspeisevergütung forderten, von der Bundesnetzagentur den Zuschlag bekommen. Nur noch 0,44 Eurocent pro Kilowattstunde elektrische Energie werden im Mittel noch als Einspeisevergütung gewünscht, drei Betreiber wollen sogar ganz ohne Förderung auskommen.

Für mich ist die Meldung im Kern zwar erfreulich, aber die Art, wie berichtet wird, zeigt die Vorurteile des Schreibenden und damit wohl auch vieler in der Wirtschaft. Erstens sind Einspeisevergütungen keine staatlichen Zuschüsse, weil hier die Stromkunden bezahlen und nicht der Staat, zweitens werden die Umweltkosten aus der Debatte völlig ausgeblendet, die vor allem bei den Braunkohlekraftwerken nach Berechnungen des Umweltbundesamtes höher liegen als die Einspeisevergütungen sowohl für Ausschreibungen bei Photovoltaik als auch jetzt bei Windenergie auf der Nordsee. Für Solaranlagen wurden jüngst bei Ausschreibungen Zuschläge bei sechs Eurocent Einspeisevergütung gegeben. Wann endlich kommt der Plan für den Ausstieg aus der Braunkohleverstromung?

Fragen: Verena Kern

[Erklärung]  
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