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Pariser Zahnwachstum, gewöhnliche Beamte und drängelnde Hochdrucklagen

Immer wieder sonntags: Unsere Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe. Als einer der ersten deutschen Wissenschaftler warnte Graßl vor den Folgen des Klimawandels.

Graßls Woche

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klimaretter.info: Herr Professor Graßl, der Anteil der Erneuerbaren am deutschen Strommix ist 2016 kaum gestiegen. Die Ursachen: geringer Zubau und ungünstiges Wetter. Was erwarten Sie vom neuen Jahr?

Hartmut Graßl: Strom aus erneuerbaren Energieträgern macht in Deutschland bereits ein Drittel des Strommixes aus. Das ist etwa zweieinhalbmal so viel wie die Anteile von Atomkraft oder Strom aus Erdgas, etwa zehn Prozent mehr als der Anteil der Braunkohle und fast doppelt so viel wie der Anteil der Steinkohle. Die Stromschwemme in Deutschland – wesentlich verursacht vom schlecht funktionierenden EU-Emissionshandel, der alte Kohlekraftwerke rentabel hält – führt zu weiter steigenden Stromexporten, vor allem in die Niederlande und in die Schweiz.

Der Anteil der erneuerbaren Energieträger könnte noch höher sein, wenn nicht wegen der Netzüberlastung vor allem Windenergie abgeregelt würde. Beispielsweise sind 2015 aufgrund drohender Überlastungen im Stromleitungsnetz allein in Schleswig-Holstein knapp 3.000 Gigawattstunden Strom aus erneuerbaren Energien abgeregelt worden, was zu Entschädigungszahlungen von 295 Millionen Euro führte, fast das Dreifache des Wertes im Jahre 2014. 95 Prozent davon entstanden durch Engpässe im Höchstspannungsnetz. Also ist auch der fehlende Netzausbau ein Grund für gedämpftes Wachstum bei den Einspeisungen des Stroms aus erneuerbaren Energieträgern und nicht nur der geringere Zubau als bisher.

Im Jahr 2017 werden wir wohl einen stärkeren Anstieg bei der Photovoltaik erleben, weil die Gestehungskosten jüngst kräftig gesunken sind und bei Anlagen mit Nennleistungen unter 750 Kilowatt keine Ausschreibungen nötig sind. Außerdem gibt es noch viele geeignete Dächer auf Häusern und Fabriken.

Heinrich Bottermann von der Deutschen Bundesstiftung Umwelt fordert, den Klimaschutz vor einem sich ausbreitenden Populismus zu verteidigen. Wie sollte man Ihrer Meinung nach mit Rechtspopulisten wie Trump oder der AfD am besten umgehen?

Der Generalsekretär der Deutschen Bundesstiftung Umwelt hat recht mit seinem Aufruf, sich weiter für Klimaschutz einzusetzen, der ja inzwischen oben auf der internationalen Agenda ist und mit der Paris-Vereinbarung Milchzähne bekommen hat. Der Klimavertrag wird nach den für jedes Jahrfünft vorgeschriebenen Klimaziel-Aktualisierungen der Staaten wohl noch ein echtes Gebiss zeigen.

Populisten sind  oft plumpe, manchmal auch geschickte Verdreher von Tatsachen. So gehen die (oft von der Lobby fossiler Brennstoffe vorgeschickten) Leugner der angelaufenen globalen Klimaänderungen sogar gegen wissenschaftliche Messbefunde vor. Sie nutzen dennoch alle anderen Segnungen der Wissenschaft und Technik für ihre falschen Aussagen. In Deutschland sind sie eine kleine Minderheit von Klima-Laien, ohne Basis in der Klimaforschung. Den Umgang mit solchen Zeitgenossen bin ich bisher gelassen angegangen, weil ich weiß, dass der Unfug in einer echten öffentlichen Debatte in unserer Demokratie nicht gewinnt.

Wesentlich für das rasche Verschwinden der rückwärtsgewandten politischen Strömungen ist allerdings die Stärkung einer Sozialpolitik, die die Mittelschicht verbreitert.

Von einer Verkehrswende ist Deutschland bekanntlich noch meilenweit entfernt. Auch die Behörden verhalten sich wenig vorbildhaft, zeigt ein Blick auf ihre Dienstwagen. Es sind fast ausschließlich Dieselfahrzeuge, die besonders viele Schadstoffe emittieren. Was halten Sie davon?

Behördenvertreter sind ein Abbild der Gesellschaft, warum sollten sie sich alle umweltbewusster oder charakterfester verhalten als die Bürger? Die größte Wirkung auf unsere Automobilindustrie erzielt zurzeit ohnehin nicht das Kaufverhalten von Beamten, sondern der Plan der Chinesen, ab 2025 keine neuen Modelle mit Benzin und Diesel als Treibstoff mehr zuzulassen. 

Den Autobauern droht der Verlust ihres Geschäftsmodelles und sie werden wohl jetzt auf andere Antriebe umschalten, auch wenn das eine Bedrohung für Arbeitsplätze bei den Zulieferern für die Motorenteile ist. Neue Autos mit Diesel als Treibstoff werden wohl bald nicht mehr gebaut.

Interessant ist übrigens das Ergebnis der neuesten Untersuchungen des International Council on Clean Transportation, der den VW-Skandal mit aufgedeckt hat: Nach der Euro-6-Norm gebaute Pkw stoßen im Straßentest mehr Stickstoffdioxid pro Kilometer aus als ein Lkw. Das eigene Auto gefährdet die Gesundheit der eigenen Kinder durch den Luftschadstoff also stärker als der oft angegriffene Brummi.

Es ist also höchste Zeit, dass Autos auf die Straße kommen, die zum Klimaschutz beitragen – und die Luft reinhalten. Den Behörden kann ich natürlich nur empfehlen, dabei auch Vorreiter zu sein.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Dass die Bundesrepublik Deutschland im Jahre 2016 erstens keine Reduktion bei den Treibhausgasemissionen geschafft hat und sie zweitens ihre Klimaschutzziele für 2020 wohl nicht mehr erreichen wird. Wie die Agora Energiewende mitteilte, ist zwar der Stromeinsatz im Jahr 2016 trotz Wirtschaftswachstum gesunken – aber im Wärmesektor, beim Verkehrswesen sowie bei der Industrie ist von CO2-Minderungen nichts zu sehen. Dort muss die nächste Bundesregierung massiv aktiv werden.

Weiterhin hat 2016 mit geringerer Sonneneinstrahlung und niedrigeren Windgeschwindigkeiten im Vergleich zum langjährigen Mittel gezeigt, dass für die Energiewende die physikalischen Randbedingungen von Jahr zu Jahr wichtiger werden und dass das Energieversorgungssystem darauf einzustellen ist. Die größte Herausforderung für die Energiewende ist – und das wiederhole ich hier – eine längere Hochdrucklage in Mitteleuropa in der dunklen Jahreszeit von etwa Ende November bis Ende Januar, die nur mit mehr Speicherung und einem europaweiten Netz zu bewältigen ist.

Fragen: Verena Kern

[Erklärung]  
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