Zukunftsloser Egoismus, Physik und blaue Bänder

Immer wieder samstags: Unsere vier Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Professor Hartmut Graßl, Physiker und Meteorologe. Als einer der ersten deutschen Wissenschaftler warnte Graßl vor den Folgen des Klimawandels.

Graßls Woche

Fotoklimaretter.info: Die zentrale Frage dieser Woche war: Ist das massenhafte Wasser nun eine Auswirkung des Klimawandels oder nicht? Kommen Jahrhunderthochwasser jetzt alle zehn Jahre vor? Helfen Sie uns: Was sagt der Experte?

Hartmut Grassl: Ein einzelnes auch noch so drastisches Wetterextrem kann kein Beweis für eine Veränderung des Klimas sein. Erst eine mindestens 30-jährige, besser eine über ein Jahrhundert lange Beobachtungsreihe mit gut geeichten Geräten kann dafür die Basis liefern.

So ist es bisher zum Beispiel nicht gelungen, aus Messungen der Windgeschwindigkeit deren Veränderung wirklich zu messen, weil schon ein großer Baum, der in der Nähe der Messstelle hochwächst oder gefällt wird, das Änderungssignal sein kann. Für den Wind allerdings kann man sich mit der Druckmessung behelfen, weil in einem Stationsdreieck die Luftdruckgradienten klar den Wind in der freien Atmosphäre repräsentieren. In der jetzt weit über 100-jährigen Luftdruckmessreihe von Stationen an der Deutschen Bucht ist keine systematische Windzu- oder -abnahme festgestellt worden.

Zurück zum Niederschlag: Die in den vergangenen Tagen gemessenen Niederschlagsmengen sind nahe zu den Mengen für ein Mehrtagesmittel aus dem Jahre 2002, und das Hochwasser war für die meisten damals betroffenen Flüsse wieder ähnlich hoch, an der Donau und der Elbe an einigen Flussabschnitten auch noch höher. Die Niederschlagsvorhersage war sehr gut. Schon Tage vor den heftigen Niederschlägen hat der Deutsche Wetterdienst für das südliche Bayern und für einige Mittelgebirge die höchste seiner Warnstufen "extremes Unwetter" verwendet. Auch deswegen sind nur wenige Menschen verletzt worden oder gestorben.

Die seit 1999 beziehungsweise 2002 ergriffenen zusätzlichen Hochwasserschutzmaßnahmen waren dennoch nicht sehr wirkungsvoll, weil wir meist nur Schutzwälle hochgezogen und Deiche verstärkt, aber den Flüssen nicht mehr Überflutungsflächen gegeben haben oder geben konnten; denn wir haben seit Jahrzehnten sehr oft in Überschwemmungsniederungen gebaut. Da heftige Niederschlagsereignisse in relativ großen Teilen Deutschlands im vergangenen halben Jahrhundert häufiger geworden sind, ist der Hochwasserschutz weiter zu verstärken, vor allem müssen – wie es der NABU gesagt hat – blaue Bänder um unsere Flüsse, also Überschwemmungsflächen, geschaffen werden, und die die Flächen Freigebenden müssen entschädigt werden. Vorsorge ist immer billiger als Katastrophenhilfe.

Das Umweltbundesamt hat in einer Publikation Namen von Klimaskeptikern genannt, die in deutschen Medien ihr Unwesen treiben. Was zu einer heftigen Debatte führte: Darf man so etwas als Amt? Hilfreich oder Frevel?

Die Zahl der Menschen, die die Klimaänderungen durch den Menschen leugnen, kleinreden oder gar die Physik verletzende Äußerungen machen, ist zwar eine kleine Minderheit, diese bekommt aber oft mehr Platz in den Medien als diejenigen, die über Neues aus der Klimaforschung und noch nicht beantwortete Fragen berichten. Damit muss ich selbst seit Jahrzehnten leben. Meist sind diese Menschen von kurzfristigen Interessen getrieben. Wissenschaftler aus der zweiten und dritten Reihe bekommen sogar Geld, um Sand in die Klimapolitik zu streuen, und eine verschwindend kleine Zahl ist bei großen Themen immer dagegen und sieht eine Verschwörung. Bei einer Kanzlerin mit einem Doktortitel in Physik konnten sie alle nicht landen.

Deswegen hätte das Umweltbundesamt ruhig bleiben können. Dennoch kann ich verstehen, dass den Verantwortlichen das gegen die zukünftigen Generationen gerichtete Treiben dieser Egoisten zu bunt geworden ist.

Die Umweltbewegung fordert, dass die Zivilgesellschaft stärker in den Diskurs über die Vergabe von Forschungsmitteln einbezogen werden soll. Schließlich handelt es sich um öffentliche Gelder. Ist das praktikabel? Halten Sie die Forderung für gerechtfertigt?

Zurzeit läuft ein kleines – vom Bundesumweltministerium gefördertes – Projekt der Vereinigung Deutscher Wissenschaftler (VDW), das zu diesem Zehnpunktekatalog als einem ersten Ergebnis der Diskussionen vieler Umweltverbände und anderer zivilgesellschaftlicher Organisationen geführt hat. Als Vorsitzender des Beirates der VDW und in diesem Projekt am Rande Beteiligter habe ich diese Plattform entstehen sehen und stimme ihrem wesentlichsten Punkt zu, nämlich einer stärkeren Beteiligung der Zivilgesellschaft bei der Forschungsplanung. Wissenschaft und Forschung sind aufgefordert, die Lösungsvielfalt für große Probleme des globalen Wandels bereitzustellen, und sie bestimmen damit wesentlich über unsere Zukunft. Da bisher die Entscheidung über den Einsatz der Finanzmittel für die Forschung für die meisten Bürger undurchsichtig blieb, ist eine offenere Debatte dringend notwendig, ähnlich wie das bei großen Infrastrukturprojekten schon der Fall war.

Was war Ihre Überraschung der Woche?

Dass trotz eines Hochwassers, das in Teilen historische Höchststände der Flusspegel erreichte, fast nur Sachschäden zu beklagen sind, die mindestens teilkompensiert werden. Ein solches Land mit einer meist funktionierenden und vorsorgenden Infrastruktur wünschten sich viele Menschen in anderen Ländern.

Fragen: Nick Reimer

[Erklärung]  
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