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Agrosprit, Straßenpanzer und arktische Rekordschmelze

Immer wieder samstags: Unsere fünf Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Hartmut Graßl, Meteorologe, der als einer der ersten deutschen Wissenschaftler vor den Folgen des Klimawandels warnte.

GRASSLS WOCHE

Herr Professor: Als Sommerloch der Woche könnte man E10 - den Agrosprit - bezeichnen. Eingeführt wurde die zehnprozentige Beimischungsquote ja eigentlich, um Klimaschutz endlich auch im Verkehr zu betreiben. Dann aber kam das Gutachterwesen - und seitdem wird gestritten ob - und falls - in welchem Umfang Agrosprit tatsächlich Treibhausgase vermeidet. Was stimmt denn nun: Hilft E10 das Klima zu schützen?

Wenn man nur das Treibhausgas Kohlendioxid bei der Verbrennung im Kraftfahrzeug betrachtet, dann trägt die Beimischung von Ethanol zunächst schon zur Reduktion dieses wichtigsten anthropogenen Treibhausgases bei. Das ist allerdings keineswegs der einzige Faktor für die Treibhausgasbilanz von Agrosprit. Weitere kommen hinzu: Erstens die Nutzung von Diesel in der Landwirtschaft und damit eigentlich zu vermeidendes Kohlendioxid.  Zweitens entweicht aus jedem Acker - ob da nun Zuckerrohr, Zuckerrüben, Mais oder Weizen angebaut wird - Lachgas (Stickstoffdioxid). Dieses Gas ist ein 300fach potenteres Treibhausgas als Kohlendioxid (bei Rechnung des Klimaeinflusses über ein Jahrhundert). Drittens muss auch die hohe Emission von Kohlendioxid bei der Produktion von Kunstdünger und Pestiziden hinzugerechnet werden, die sehr energieintensiv ist.

In der Summe trägt Agrosprit, je nach den obigen Beiträgen, leicht bis gar nicht zum Klimaschutz bei. In vielen Fällen - dann wenn großen Mengen an Dünger und Pestiziden eingesetzt werden - ist er sogar klimaschädlich. Das ist in der wissenschaflichen Literatur seit Längerem bekannt. Ich begrüße die Debatte um E10, denn sie wird wohl zu einer veränderten Einstellung der Agrarpolitiker führen.

Alles redet über E10, Hunger und Lebensmittelpreise, niemand über unsere Art der Mobilität. 70 Kilogramm Mensch in einem zwei Tonnen schweren Straßenpanzer zu kutschieren, der in weniger als zehn Sekunden auf 200 Stundenkilometer beschleunigt. Ist das nun die menschliche Emanzipation gegenüber der Evolution oder nur Anzeichen dafür, dass die Spezies Mensch im evolutionären Konkurrenzkampf wegen fehlender Einstellung zu den Effizienzkriterien einfach nicht zum Überleben fähig ist?

Seit einigen Jahren sind die Preise für Lebensmittel eng mit mit dem Erdölpreis korreliert. Deshalb werden Unruhen aufgrund der Unbezahlbarkeit von Grundnahrungsmitteln in Entwicklungsländern immer bei sehr hohen Ölpreisen ausbrechen. Bei einer steigenden Industrialisierung in den Schwellenländern werden diese Preise im Mittel deshalb weiter steigen, und damit auch die Zahl der Protestierenden. Wie weit die Konkurrenz zwischen Agrosprit und Lebensmitteln um Anbauflächen das Hungern der Armen beschleunigt, ist noch nicht wirklich klar.

Die auch in Hamburg, wo ich arbeite - ohne Steilhänge und Buschpisten - häufigen "Panzer" auf den Straßen sind Ausdruck der fehlenden Internalisierung der externen Kosten. Eigentlich müssten für die Kohlendioxidemissionen, die in das globale Gemeingut Atmosphäre entweichen, die vollen Umweltkosten einschließlich der Klimaschadenskosten entrichtet werden. Die bei vielen vorhandene Lust zum Rasen und Protzen wird durch moralische Appelle so schnell nicht verschwinden. Wie so häufig sind veränderte politische Randbedingungen notwendig. Meine Hoffnung richtet sich auf die Europäische Kommission.

In der Arktis steht für das laufende Jahr eine Rekordschmelze bevor. Komisch, dass das kaum jemand zur Kenntnis nimmt. Was sagt uns das? Sind die Wähler zu abgestumpft? Kann die Politik doch nichts machen? Ist das vielleicht ja auch nur ein kleines Problem - angesichts all der anderen?

Einen Klimatologen überraschen die Meldungen von der weiteren Schmelze des Meereises und des grönländischen Inlandeises nicht. Denn diese etwas trägeren oder sehr trägen Komponenten des Klimasystems müssten auch dann neue Minima  bei ihrerAusdehnung zeigen, wenn die Temperatur nicht weiter so stark steigen würde. In den Worten meines Kollegen Oskar Reinwart von vor 20 Jahren (früher Kommission für Glaziologie der Bayerischen Akademie der Wissenschaften): Jetzt, wo die Gletscher davonlaufen, bekomme ich die Forschungsgelder. Oder in meinen Worten an die Österreicher bei verschiedenen Vorträgen: Auch eine stringente Klimapolitik rettet die meisten eurer Gletscher nicht, aber sie könnte noch verhindern, dass der größte Teil des grönländischen Inlandeises in den kommenden Jahrhunderten verloren geht und die Marschniederungen weltweit vom Meer erobert werden.

Hat die Menschheit schon jemals eine Politik mit Jahrhunderten im Visier betrieben? Nein, noch nie. Aber jetzt muss sie es.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Die Meldung des Handelsblattes vom Freitagnachmittag, dass die Differenzen zwischen Bundesverbraucherschutzministerium und Bundeswirtschaftsministerium zur Überwälzung der Haftungskosten für Verzögerungen beim Offshore-Ausbau auf Industrie und Verbraucher so weit beigelegt seien, dass das Kabinett sich am nächsten Mittwoch damit befassen kann. Als Klimatologe und Bürger sehe ich diese Überbetonung der Offshore-Windenergie als einen Sieg der Großversorger, denn nur diese können die nötigen Großinvestitionen stemmen. Das wiederum zwingt zu einem starken Netzausbau, dessen sehr moderate Form  bisher von den großen Stromversorgern immer dann hintertrieben wurde, wenn Bürgerkraftwerke angeschlossen werden sollten.

Ich hoffe, dass der Deutsche Bundestag und der Deutsche Bundesrat den Zubau erneuerbarer Energieanlagen durch Gruppen von engagierten Bürgern weiter unterstützt, denn nur dadurch bleibt die Energiewende eine Volksbewegung und sie gelingt auch mit einem geringeren Ausbau der Stromnetze.

Fragen: reni

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