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Überlastete Erde, überdimensionierte Netze und gespenstische Debatten

Immer wieder samstags: Unsere sechs Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW.

Kemferts Woche

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klimaretter.info: Frau Kemfert, die Woche begann mit dem diesjährigen "Earth Overshoot Day". Der Tag rückt im Kalender immer weiter vor, immer eher hat die Menschheit die Ressourcen verbraucht, die ihr bei einer nachhaltigen Entwicklung wirklich nur zur Verfügung stünden. Haben solche symbolischen Tage einen Wert?

Claudia Kemfert: Durchaus, denn dieser symbolische Tag schafft ein Bewusstsein bei nahezu allen Menschen, dass wir auch weiterhin über unsere Verhältnisse leben und in Deutschland über drei Erden benötigen, um die derzeitige Entwicklung aufrechtzuerhalten. Dass der Overshoot Day trotz der Anstrengungen für Energiewende und Energiesparen jedes Jahr früher stattfindet, ist erschreckend.

Außerdem macht der Tag deutlich, dass wir nicht nur auf Kosten der zukünftigen Generationen leben, sondern dass die Schere zwischen Industrienationen und Entwicklungsländern weiter aufgeht. Der symbolische Tag macht die nicht nachhaltige Entwicklung mehr als deutlich.

Wichtig wäre es allerdings, dass aus dem Bewusstsein auch konsequentes Handeln erwächst. Zwar kann jeder etwas tun, um sich nachhaltig und umweltbewusst zu verhalten, dennoch ist vor allem die Politik gefordert, die Rahmenbedingungen für mehr Klimaschutz und Ressourcenschonung zu schaffen. Der Druck aus der Gesellschaft muss hoch sein, damit die Politik diese Verantwortung viel stärker wahr- und übernimmt.

In den letzten Tagen ist eine Debatte um die künftigen Kosten für die Netzentgelte entbrannt. Die Bundesnetzagentur hält ab 2019 für neue Stromleitungen eine Verzinsung von fast sieben Prozent für geboten, die Kritiker gerade mal 5,5 Prozent. Was meinen Sie?

Auch 5,5 Prozent Verzinsung ist durchaus noch üppig. Offenbar will man den Netzbetreibern und Energiekonzernen profitable Zusatzeinnahmen gewähren. Die hohe Verzinsung ist ein Grund für den Eifer bei der Netzausbauplanung. Unsere Berechnungen zeigen, dass bei niedriger Rendite und einer konsequenten Optimierung der Netzplanung sowie der Einbeziehung der Energiewende-Ziele mit einem deutlichen Rückgang an Kohlestrom der Netzausbau viel geringer wäre.

Der überdimensionierte Netzausbau erhöht die Kosten unnötig, die Strompreise steigen über Gebühr und die Volkswirtschaft leidet. Nicht nur die Verzinsung sollte niedriger sein, auch die Netzausbauplanung sollte optimiert und konsequent auf den eigentlichen zukünftigen Bedarf der Energiewende ausgerichtet werden.

Streit gibt es auch, wie teuer die Netzengpässe die Stromkunden zu stehen kommen. Ein Gutachten des Öko-Instituts beziffert die Kosten auf künftig 2,7 Milliarden Euro jährlich, wovon allerdings gut eine Milliarde in der EEG-Umlage praktisch schon eingepreist ist. Hat die Bundesrepublik zu viel Strom?

Ja, sie hat eindeutig zu viel Strom – und eine Angstmacherkampagne und Gespensterdebatte um angeblich zu wenig Stromleitungen und zu hohe Kosten durch fragliche Netzengpässe. Herr Gabriel bezifferte die angeblichen Netzengpasskosten zunächst auf vier Milliarden Euro, eine Zahl, die im Übrigen nie belegt wurde. Nach erheblicher Skepsis gegenüber dieser Schätzung behauptete er, dass die Netzengpasskosten auf 2,7 Milliarden Euro steigen würden, und verwies auf das Öko-Institut.

Im Rahmen einer Studie, die wir auch im Bundestag in der Anhörung zum EEG erwähnt haben, haben wir festgestellt, dass die Gesamtsystemkosten im Zeitraum von 2007 bis 2014 insgesamt rückläufig waren. Hierbei nimmt "Redispatch", das unter anderem für die Beseitigung marktinduzierter Netzengpässe genutzt wird, mit unter 200 Millionen Euro pro Jahr einen vergleichsweise kleinen Teil ein. Im Jahr 2015 betrug die Summe der Redispatch-bedingten Einspeisereduzierungsmaßnahmen etwa ein Prozent des Stromverbrauches. Die Kosten waren 2015 etwas angestiegen, sind aber im ersten Quartal 2016 wieder stark gefallen. Man versucht offensichtlich, mit völlig überhöhten Kostenschätzungen einen überdimensionierten Netzausbau zu rechtfertigen.

Zu viel Strom gibt es, weil in Zeiten mit hohen Anteilen erneuerbarer Energien weiterhin inflexible Kohle- und Atomkraftwerke weiterlaufen. Anstatt diese herunterzufahren – beispielsweise durch geringere Must-Run-Kapazitäten oder die Änderung der Merit Order – will man Stromleitungen bis zum Abwinken bauen.

Vergleichbar ist das mit dem Versuch, alle Straßen in Deutschland so lange auszubauen, bis es keinen Stau mehr gibt – mit der Begründung, die vielen neuen Autos mit grünen Antrieben würden die Straßen verstopfen. Dabei sollte es – um im Bild zu bleiben – besser eine Verkehrsoptimierung und -vermeidung geben. Der Ausbau der Netze sozusagen bis zur letzten Kilowattstunde ist ineffizient und teuer. Die Energiewende kann auch weitergehen, ohne sofort die Stromnetze weiter auszubauen. Und man sollte sich nicht von Gespensterdebatten irritieren lassen.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Genau wie der "Overshoot Day" beginnt auch die Gespensterdebatte um die angeblichen Kostentreiber und die Verunglimpfung erneuerbarer Energien jedes Jahr früher. Die EEG-Umlage wird aller Voraussicht nach steigen. Die erneuerbaren Energien müssen einmal mehr als Sündenbock für eine fehlgeleitete Energiepolitik herhalten.

Nicht die EEG-Umlage und die Erneuerbaren sind die eigentlichen Kostentreiber, sondern die vermurksten politischen Rahmenbedingungen machen die Energiewende unnötig teuer. Wir haben einen Stromangebotsüberschuss, weil mit zunehmenden Anteilen erneuerbarer Energien nicht ausreichend inflexible Kohle- und Atomkraftwerke vom Netz gehen. Das führt zu einem Absinken der Strombörsenpreise. Da die EEG-Umlage sich aus der Differenz zwischen den Förderungen und dem Börsenpreis errechnet, steigt die Umlage unverhältnismäßig an. Zudem gibt es zahlreiche Industrieausnahmen, was den Strompreis zusätzlich nach oben treibt.

Die Konservierung der Vergangenheit ist unnötig teuer, weil inflexible Kraftwerke am Netz gehalten werden und so ein überdimensionierter Netzausbau bezahlt werden muss. Zusätzlich lassen "Abwrackprämien" für Kohlekraftwerke den Strompreis weiter steigen.

Der Strompreis müsste heute nicht steigen, wenn man die niedrigen Strombörsenpreise an die Haushalte weitergeben würde, wenn außerdem die teuren Maßnahmen zur "Erhaltung der Vergangenheit" abgeschafft werden würden und man sich konsequent auf den Umbau des Systems konzentrieren würde.

Fakt ist, dass die Kosten erneuerbarer Energien in den letzten Jahren massiv gesunken sind. Weitere Systemtechnologien wie intelligente Netze und Speicherung werden dies ebenso tun, wenn das alte System das neue nicht mehr blockiert. Der jetzige Umbau kostet Geld, es sind Investitionen in die Zukunft. Je früher wir beginnen, desto früher zahlt es sich aus.

Fragen: Jörg Staude

[Erklärung]  
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