Gespenster, Sonnenstunden und EEG à la française

Immer wieder samstags: Unsere sechs Herausgeber erzählen im Wechsel, was in der vergangenen Woche wichtig für sie war. Heute: Claudia Kemfert, Professorin für Energiewirtschaft und Chefin des Energie- und Umweltbereichs am Deutschen Institut für Wirtschaftsforschung DIW.

Kemferts Woche

Vollbild-Vorschau

klimaretter.info: Frau Kemfert, laut Medienberichten könnte die EEG-Umlage für 2015 sogar sinken, weil das EEG-Ausgleichskonto inzwischen deutlich im Überschuss ist. 2013 war es stark belastet worden, was die Umlage nach oben schnellen ließ und eine Legitimation für die EEG-Reform lieferte. Heißt das etwa: Berechnungsfehler haben die ganze Kostendebatte und die harschen Einschnitte durch die EEG-Novelle erst ausgelöst?

Claudia Kemfert: Das ist nicht ganz von der Hand zu weisen. Erst rechnet man die EEG-Umlage künstlich hoch, um die EEG-Reform zu legitimieren, dann kann man sich mit den gesunkenen Kosten brüsten und sie als Erfolg der politischen Handlungen ausweisen.

Dabei war das Sinken der EEG-Umlage zu erwarten und hat rein gar nichts mit der Novelle zu tun. Denn in der Vergangenheit hat nicht die Zunahme der erneuerbaren Energien zur Steigerung der Umlage beigetragen, sondern zwei andere Faktoren: der deutlich gesunkene Börsenpreis und die vielen Industrieausnahmen. Die hat man aber so gut wie gar nicht gesenkt und der Börsenpreis ist noch immer niedrig. Die ganze Kostendiskussion hat vor allem eins erreicht: eine massive Verunsicherung der Investoren. Nach der Solarindustrie wird jetzt die Biomasse-Industrie massive Einschnitte hinnehmen müssen.

Die Gespensterdebatte um angeblich zu hohe Kosten erneuerbarer Energien wird die niedrigere Umlage allerdings kaum stoppen. Denn weder die "Sonnensteuer" noch die minimalen Änderungen bei den Industrierabatten werden die Umlage nennenswert weiter senken. Sie hilft nur, unnütze politische Entscheidungen zu rechtfertigen.

Im klimaretter.info-Interview hat ein Experte der Verbraucherzentralen die neue Eigenverbrauchsregelung "vollkommen widersinnig" genannt, weil die Eigenverbraucher ja keinen EEG-vergüteten Strom in Anspruch nehmen. Genauso gut könne man jemanden mit der EEG-Umlage belegen, der sich einen neuen, energiesparenden Kühlschrank kauft. Was entgegnen Sie?

Der Verbraucherschützer hat Recht: Die Regelung ist absurd. Denn gerade durch den Eigenverbrauch wird ja das Netz entlastet. Das ist genau, was wir in einem flexiblen Energiesystem der Zukunft benötigen. Es geht ja nicht um "Autonomie", wie die Kritiker sagen – das ist in einem hoch vernetzen Stromsystem ohnehin nicht möglich und auch nicht wünschenswert.

Mir hat es noch nie eingeleuchtet, warum der Eigenverbrauch von fossilem Strom weniger oder gar nicht belastet werden soll, der von Ökostrom aber schon. Das ist genauso absurd, wie wenn ich meine eigenen Tomaten vom Balkon esse und dafür Mehrwertsteuer zahlen soll. Mit den jetzigen Regelungen zum Eigenverbrauch würgt man die erneuerbaren Energien weiter ab. Dabei sind die Entlastungen für die restlichen Stromkunden gering. Es ist unverständlich und unnütz, tatsächlich vollkommen widersinnig.

Noch nie wurden weltweit so viele Solaranlagen errichtet wie 2013. Manche sagen: Es ist ein großer Erfolg der deutschen Energiewende, dass sie die Entwicklung und Kostensenkung etwa der Solarmodule vorangetrieben und damit einen weltweiten Boom ausgelöst hat. Kann man wirklich schon von einem Erfolg sprechen, wenn 2013 gerade mal 0,5 Prozent des weltweiten Strombedarfs mit Solarstrom gedeckt wurde?

Man kann durchaus von einem Erfolg sprechen, denn der Anteil der Solarenergie wird weltweit weiter wachsen. Die Kostensenkungen sind enorm wichtig, weil Photovoltaik-Anlagen dadurch in vielen stark wachsenden Volkswirtschaften mit schlecht oder gar nicht ausgebauten Stromnetz attraktiv sind. Und die Kosten werden mit zunehmender Nachfrage weiter sinken. Die Kosten der fossilen Energien werden dagegen weiter zunehmen. Das allein spricht schon für die Solarenergie.

Die weltweit größten Solaranlagen produzieren den Strom mittlerweile zu niedrigeren Kosten als fossile Energien. In Kombination mit Wärme- und Kältespeichern kann so die Versorgungssicherheit deutlich erhöht werden.

Frankreich hat die "Energiewende-Reform" beschlossen. Im Interview betont der Energieexperte Severin Fischer von der Stiftung Wissenschaft und Politik, dass man in Paris nicht etwa das deutsche EEG abgeschaut hat, sondern viel stärker auf Energieeffizienz und Elektromobilität setzt, aber auch auf Atomkraft – womit sich zumindest die Klimabilanz sehen lassen kann. Ein Vorbild für Deutschland?

Frankreichs Ambitionen zur Verbesserung der Energieeffizienz sind löblich und hoffentlich können sie zu mehr Innovationen und einer wirklichen Reduktion des Energieverbrauchs beitragen. Vor allem der hohe Stromverbrauch im Gebäudeenergiebereich sollte deutlich vermindert werden. Das wäre auch wichtig, um die maximalen Stromverbrauchslasten zu optimieren.

Die Elektromobilität ist durchaus interessant, aber nur wenn sie mit erneuerbaren Energien kombiniert wird. Der weiterhin sehr hohe Anteil von Atomstrom wird Frankreich immer mehr Probleme bringen, da vor allem auch die Kosten weiter steigen werden. Die künstlich niedrigen Strompreise werden nicht zu halten sein, die Einführung des Kapazitätsmarktes wird teuer. Allein das wird die Akzeptanz in der Bevölkerung schmälern.

Frankreichs Potenziale für erneuerbare Energien sind viel größer, als die Regierung annimmt. Frankreich sollte da viel mutiger sein. Es wäre wünschenswert, dass Deutschland zusammen mit Frankreich eine echte Energiewende auf den Weg bringt – mit einem deutlichen Ausbau erneuerbarer Energien, der Verbesserung der Energieeffizienz und dann auch gern mit mehr Elektromobilität.

Und was war Ihre Überraschung der Woche?

Erstaunlich ist, dass einerseits die geopolitischen Krisen immer weiter zunehmen – und damit potenzielle Energiekrisen –, aber bei der Energiewende immer noch massiv gestänkert wird. Als wäre nichts geschehen, beschweren sich viele Unternehmen lautstark und öffentlichkeitswirksam und zahlreiche Politiker geben ihnen auch noch Recht.

Dabei ist die Energiewende das beste Allheilmittel gegen die drohenden Energiekrisen aus Russland oder dem Nahen Osten. Je weniger Öl und Gas wir verbrauchen, desto weniger abhängig machen wir uns von Energieimporten und möglichen Preisschocks. Je weniger wir verbrauchen, desto geringer sind die Energiekosten. Je mehr wir auf erneuerbare Energien setzen, desto besser.

Genau das sollte die Antwort aus Deutschland und Brüssel auf die drohenden Energiekrisen sein: verbindliche Ziele für mehr Energieeffizienz, mehr erneuerbare Energien und einen deutlichen Rückgang der Treibhausgase. Das Energiewende-Wunder gegen die drohende Energiekrise. Das wäre endlich mal wieder eine kluge Reaktion.

Fragen: Benjamin von Brackel

[Erklärung]  
Anzeige
blog comments powered by Disqus

Anzeige

Anzeige

Kolumnen

Alle Kolumnen lesen
Alle Herausgeber-Interviews lesen